Warum eine Infektion keine Impfung ersetzt

Experten mahnen zur vollständigen Grundimmunisierung gegen Corona.
Dornbirn Ein Sommer ganz ohne Corona: Wer sich das nach zwei Jahren Pandemie erwartet hat, wurde bitter enttäuscht. Die Fallzahlen steigen wieder, die sogenannte Sommerwelle, getrieben von den Omikron-Subvarianten BA.4 und BA.5 nimmt Fahrt auf. Viele rätseln nun vor diesem Hintergrund, ob sie sich jetzt erneut impfen lassen oder besser warten sollen. Um dieses Thema ging es auch am Donnerstag bei einem Expertengespräch in der Ärztekammer in Dornbirn. Der Tenor: Eine Infektion ersetze keine Impfung. Jene, die noch keine drei Stiche hinter sich haben, sollen das nun schleunigst nachholen. Ärztekammerpräsident Burkhard Walla bekräftigte: „Erst drei Impfungen sind eine komplette Grundimmunisierung. Alles, was danach kommt, sind Auffrischungen.“
Lücke von 70.000
Vor diesem Hintergrund thematisierte Impfkoordinator Robert Spiegel eine Lücke von ungefähr 70.000 Menschen in Vorarlberg, die sich erst einmal oder zweimal impfen haben lassen und nun dementsprechend schlecht geschützt sind. Es handle sich um ein dringendes Anliegen, diese noch möglichst vor dem Sommer, vor der Ferienzeit zu schließen – ganz gleich, ob die Betroffenen schon eine Infektion durchgemacht hätten oder nicht. „Dann sind wir gegen die Sommerwelle und gegen die Herbstwelle am besten geschützt“, sagte Spiegel. Das gelte im Übrigen auch für die Problematik Long Covid.
Für Landessanitätsdirektor Wolfgang Grabher besteht wiederum kein Zweifel, dass die Sommerwelle Vorarlberg erfasst hat. „Wir sind mittendrin.“ Die Omikron-Subvarianten BA.4 und BA.5 seien mittlerweile schon dominierend. Eine früher durchgemachte Infektion schütze nur noch teilweise oder sogar gar nicht mehr davor, sich erneut mit diesen Subvarianten zu infizieren. Grabher gibt wegen der reduzierten Tests auch zu bedenken, dass die Dunkelziffer beim aktuellen Infektionsgeschehen höher liege, als in den Statistiken abgebildet.

Aktuelle Daten
Armin Fidler, Mitglied der Corona-Kommission des Bundes, untermauerte das Gesagte mit Studiendaten, die kürzlich im „New England Journal“ publiziert wurden: Demnach bietet etwa eine vorherige Genesung nur einen effektiven Schutz von 46,1 Prozent gegen eine Infektion mit der Omikron-Subvariante BA.2, zwei Impfdosen hingegen gar keinen. Bei drei Impfungen sind es 52,2 Prozent, bei zwei Dosen und vorheriger Genesung 55,1 Prozent. Am besten schaut es für jene aus, welche die Grundimmunisierung abgeschlossen und sich einmal infiziert haben. Dann erhöhe sich der Schutz auf 77,3 Prozent, erklärte der Experte. „Daher ist es sehr sinnvoll, sich den dritten Stich abzuholen, wenn man bereits zweimal geimpft wurde und eine Corona-Erkrankung hinter sich hat.“
Was die vierte Impfung angeht, verweisen die Experten auf die Empfehlung des Nationalen Impfgremiums. Sie richtet sich aktuell an alle Menschen ab 80, sowie Risiko- und geschwächten Personen – frühestens vier Monate nach der letzten Impfung. Eine Senkung auf 65 Jahre steht offenbar kurz bevor. Demnach sollten sich die genannten Gruppen schon jetzt impfen lassen. Eine weitere Impfung im Herbst wäre für das Immunsystem kein Problem, erläutert Grabher.
Fidler thematisierte, dass im Herbst ein angepasster Omikron-Impfstoff zugelassen werden könnte. Zudem stimmten Äußerungen von Biontech/Pfizer in den USA hoffnungsfroh, wonach an einem breiteren Vakzin, das auch künftige Varianten abdecken könnte, gearbeitet werde. „Das sind gute Neuigkeiten.“