Klimaexpertin: “Unsere Wälder allein werden das nicht schaffen”

Renate Christ mahnt angesichts des Klimaberichts auch in Österreich mehr politischen Willen ein.
Wien Der Weltklimarat sendet mit seinem neuen Bericht ein Zeichen der Hoffnung: Die Eingrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf unter 1,5 Grad Celsius ist noch zu schaffen. Nur: Nun ist politischer Wille und Mut gefragt. Gerade mit Blick auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine zeigt sich Österreichs Abhängigkeit von Öl und Gas. “Dabei hätten wir auch klimapolitisch schon längst in die andere Richtung steuern müssen”, sagt Renate Christ. Sie war lange Jahre Leiterin des Sekretariats der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), hier bekannt als UN-Weltklimarat. 2007 wurde die Oberösterreicherin gemeinsam mit ihrem Team für ihre Arbeit mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Den aktuellen Bericht des UN-Klimarats sieht sie als Arbeitsauftrag an die politischen Entscheidungsträger.
Was können wir aus dem aktuellen Bericht des Weltklimarats mitnehmen?
Renate Christ: Inger Andersen, die Chefin des UN-Umweltprogramms, hat das am besten zusammengefasst: Mit halbherzigen Maßnahmen kann man die Emissionen nicht halbieren. Im aktuellen Bericht steht ganz klar: Wir dürfen nicht erst morgen die CO2-Emissionen stoppen, sondern müssen jetzt handeln. Denn ein Ziel von 2025, bis dahin darf der CO2-Ausstoß theoretisch noch steigen, ist ja global zu verstehen. Länder wie Österreich hätten schon viel früher die Trendumkehr schaffen müssen.
In Österreich wird stattdessen nun Autofahren mit der Pendlerpauschale gefördert. Fehlt es an politischem Mut?
Christ: Ich war immer noch optimistisch. Aber wenn ich mir ansehe, wie gerade in Österreich auf die drohende Energieknappheit und Preissteigerungen bei Treibstoffen reagiert wird: Das deprimiert mich. Die Maßnahmen gehen in die genau entgegengesetzte Richtung.
Oft wird der oder die Einzelne in die Verantwortung gezogen. Wie viel Macht hat der Konsument?
Christ: Ja, es kommt auch auf den Einzelnen an, aber der Staat muss die Rahmenbedingungen schaffen. Denn wenn ich zum Beispiel in einem Mietshaus mit einer Gas- oder Ölheizung wohne, habe ich wenige Möglichkeiten auf eine CO2-freie Heizung umzustellen. Da ist sehr wohl die öffentliche Hand gefragt, die die Infrastruktur bereitstellen muss.
Im aktuellen Bericht wird auch ganz stark darauf hingewiesen, dass der Verbrauch prinzipiell reduziert werden muss.
Christ: Ein Kapitel bezieht sich auf Städte: Die Planung muss so aussehen, dass man kein Auto braucht, sondern alle Wege bequem zu Fuß, mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück legen kann. Das Ziel kann nicht sein, dass wir alle mit Elektro-SUVs von A nach B fahren.
In Sachen Autofahren geht es auch mit dem Straßenbau in eine andere Richtung. Stichwort S 18 oder Lobautunnel.
Christ: Man muss eben auch die Alternativen bereitstellen. Das Klimaticket ist zwar ein guter Ansatz. Aber wo es eine massive Zersiedelung gibt, muss es flexible Transportangebote anbieten. Langfristig muss man den Leuten signalisieren, dass nicht jegliche Preissteigerungen durch den Staat abgegolten werden. Sie müssen damit rechnen, dass sie einen fairen Preis für die damit direkten oder indirekt angerichteten Umweltschäden bezahlen müssen. Man muss den Leuten reinen Wein einschenken. Mit dem Krieg in der Ukraine sehen wie ja nun, wie abhängig wir von fossilen Treibstoffen und Gas sind. Klimapolitisch hätten wir schon längst in eine andere Richtung steuern müssen.
Wie teuer wird das für uns?
Christ: Wenn man die Kosten für Klimaschutzmaßnahmen und die vermiedenen Schäden gegeneinander aufrechnet, zeigt sich ganz klar: Es ist billiger, Reduktionsmaßnahmen einzuleiten, als die Schäden in Kauf zu nehmen.
Die Temperatur kann sich nur dann stabilisieren, wenn wir auf eine Nettonull beim CO2-Ausstoß kommen. Wie soll das funktionieren?
Christ: Mit der Bodennutzung und Aufforstung kann ich einige CO2-Emmissionen kompensieren. Wenn das im großen Stil gemacht wird, kommt man aber zu Nutzungskonflikten mit der Lebensmittelproduktion und mit Landrechten von indigenen Völkern. Das muss mit sehr viel Vorsicht in Angriff genommen werden und das Potenzial ist hier einfach begrenzt. Das andere ist das die Speicherung von CO2. Bei dem Verfahren werden CO2-Emissionen durch die technische Abspaltung am Kraftwerk und durch „dauerhafte“ Einlagerung in unterirdische Lagerstätten, reduziert. Für die letzten verbleibenden Emissionen sind solche Maßnahmen einfach notwendig. Nur: in Österreich ist dieses Verfahren verboten. Aber da muss man einfach auch in die Entwicklung investieren. Unsere Wälder allein werden das nicht schaffen.