Verpflichtende Gewaltschutzkurse für Täter: „Was steckt hinter meiner Wut?“

Seit einem halben Jahr gibt es verpflichtende Beratungen von Gewalttätern. Der Leiter der Gewaltprävention zieht Bilanz für Vorarlberg.
Wien Die verpflichtende, sechsstündige Beratung nach häuslicher Gewalt gibt es seit 1. September. Sie ist Teil des Gewaltschutzpakets der Regierung und wird vom Innenministerium finanziert. In Vorarlberg führt das Institut für Sozialdienste (IfS) die verpflichtenden Beratungen durch. Von 1. September bis 31. Dezember liegen Daten über insgesamt 137 Gefährder vor. Die Auswertung für dieses Jahr läuft gerade.
Ähnlich wie in ganz Österreich sind die Täter etwa zu 90 Prozent Männer. Ein Großteil ist zwischen 40 und 50 Jahren alt. Nach Ausspruch eines Betretungsverbots müssen sie sich innerhalb von fünf Tagen bei der Beratungsstelle aktiv melden. Danach haben sie 14 Tage Zeit, das Erstberatungsgespräch zu absolvieren. Wer sich weigert, wird von der Polizei vorgeladen. Es droht eine Verwaltungsstrafe von bis zu 2500 Euro, im Wiederholungsfall 5000 Euro oder eine Ersatzfreiheitsstrafe bis zu sechs Wochen.
„Die Menschen kommen zu uns mit großem Widerstand, mit Einsicht oder auch in akuten Krisen. Vom Obdachlosen bis zum Geschäftsführer – da gibt es die ganze Palette“, sagt Mario Enzinger. Er leitet die Gewaltprävention und -beratung beim IfS. Das Gewaltschutzprogramm, das als Einzelberatung durchgeführt wird, orientiere sich zunächst an der Situation des Klienten. Ziel sei es, so Enzinger, die Gefährder für eine weiterführende Beratung zu motivieren.
Verantwortung für eigenes Handeln übernehmen
„In den Gesprächen gehe es ganz klar um Verantwortungsübernahme“, schildert Enzinger. Tätern sollen die Konsequenzen ihrer Handlungen vermittelt werden – nicht nur was strafrechtliche Konsequenzen betrifft, sondern auch zum Beispiel die Auswirkungen auf ihre Kinder. Es werde das Betretungsverbot thematisiert, ein Notfallplan erstellt und versucht, eine Art der Risikoeinschätzung zu treffen. „Wir orientieren uns an der opferschutzorientierten Täterarbeit“, sagt er.
Emotionen verbalisieren
Schließlich würden Strategien erarbeitet. Dazu gehört es oft erst einmal zu lernen, die eigenen Emotionen zu verbalisieren. „Vielen Menschen fehlen schon allein die Worte für die Emotionen, die sie wahrnehmen.“ Das sei wichtig für eine differenziertere Wahrnehmung, erklärt Enzinger: „Da geht es auch stark darum: Was steckt denn hinter meiner Wut?“ Daran könne man oft gut in der Arbeit anknüpfen. Wenn man erkennt, was mit einem los ist, kann man Strategien dazu entwickeln.
In sechs Stunden könne alles einmal thematisiert, problematisiert und Verantwortung hergestellt werden. „Aber es braucht natürlich einen längeren Prozess als diese sechs Stunden, wenn man in eine nachhaltigere Bearbeitung von Verhaltensweisen einsteigen will“, betont Enzinger.