Zuerst Pandemie, nun Krieg: Wie man damit umgeht

Psychiater Reinhard Haller über den russischen Präsidenten und wie wir nach Pandemie und Krieg mit der Dauerangst umgehen können.
Schwarzach Seine Anhänger verehren ihn, für seine Kritiker ist er ein gewissenloser Despot: Kaum ein anderer Weltpolitiker polarisiert wie Russlands Präsident Wladimir Putin. Wie tickt jemand, der Weltkriegsängste schürt? Psychiater Reinhard Haller ortet bei dem 69-Jährigen narzisstische Züge und Größenwahn. Für Haller persönlich sei es besonders enttäuschend, dass zivilisierte Menschen den Krieg als „Vater des Bösen“ immer noch nicht überwunden hätten, wie er im Gespräch mit den VN sagt. Wie aus psychiatrischer Sicht nach zwei Jahren zermürbender Pandemie mit den Ereignissen in Osteuropa und dem Gefühl der Angst umgegangen werden sollte, erklärt der Psychiater im VN-Interview.
Aus der Ferne beurteilt: Was kann aus psychiatrischer Sicht über Putins Persönlichkeit gesagt werden?
Haller Man muss sicher berücksichtigen, dass Putin ein KGB-Mann ist. Er ist beim russischen Geheimdienst in seiner Persönlichkeit geprägt worden und ist sehr machtbezogen, durchsetzungsfähig und intelligent, aber auch sehr empathielos gegenüber Schwächeren und Gegnern. Durch seine Rolle als Staatsoberhaupt hat er an Profil gewonnen, er schien lange Zeit recht souverän und kalkulierbar. In letzter Zeit war bei Putin eine Veränderung ins Negative zu beobachten.
Wie hat sich diese Veränderung ins Negative geäußert?
Haller Auf der einen Seite wurde er immer abgehobener. Jemand in einer absoluten Machtposition duldet keine Kritik mehr, es gab keine Korrektur mehr, wie beim Fall Nawalny zu beobachten war. Jeder Andersdenkende wurde von Putin zum Feind erklärt. Die Idee von der Wiederherstellung der früheren Sowjetunion hat überhand gewonnen, er ist in eine Art Größenwahn verfallen. Aus seiner Kriegserklärung war herauszuhören, dass er realitätsfremd geworden ist. Eine Rolle könnte zudem eine gewisse Gekränktheit spielen, weil er vom Westen nicht mehr auf Augenhöhe behandelt wurde. Letztlich hat er sich immer mehr in diese Idee verstiegen und schließlich umgesetzt.
Spielt bei Putin Narzissmus eine Rolle?
Haller Absolut. Die Kriegserklärung war Ausdruck eines narzisstischen Höhenrauschs, wie es oft bei autokratischen, diktatorischen Personen zu beobachten ist. In seiner Kriegserklärung kam ein typisches Muster zum Vorschein: Wenn er mit der „Entnazifizierung“ der Ukraine argumentiert, präsentiert er sich selbst als Retter und entmenschlicht die Gegner. Er tut etwas Böses im Namen des Guten.
Nach zwei Jahren Pandemie gibt es nun auch noch Krieg in Europa. Was macht das aus psychiatrischer Sicht mit uns?
Haller Wenn man es verbildlichen möchte, kam der Krieg nach der Pandemie wohl so unerwartet wie die apokalyptischen Reiter. Das führt bei manchen zu gewissen Verdrängungen. Dass man nicht wahrhaben will, was da vor der eigenen Haustüre passiert, wie auch schon beim jugoslawischen Bürgerkrieg. Auf der anderen Seite ist man durch die Coronapandemie schon zermürbt und nun werden Kräfte in diesen menschenverachtenden, sinnlosen Krieg gesteckt. Viele Menschen sind stark verunsichert, weil nicht klar ist, wie sich die Situation weiterentwickeln wird. Kommt es zum Atomkrieg? Trifft es auch uns?
Ihr Rat als Psychotherapeut: Wie sollten wir uns nun verhalten?
Haller Es ist eine schwierige Situation, weil äußere Dinge nicht beeinflusst werden können. Trotz allem sollte man versuchen, bei den Fakten zu bleiben. Ich glaube, man sollte sich auf die eignen Stärken, die man hat, besinnen. In Krisen sollte man generell daran denken, dass wir enorme psychologische Widerstandskräfte haben, die wir nun sicher auch brauchen werden.