Klima: Welches Potenzial im Bodensee schlummert

Politik / 24.02.2022 • 12:30 Uhr
Klima: Welches Potenzial im Bodensee schlummert
Neben dem Festspielhaus entsteht das neue Hallenbad. Beide Gebäude sollen in Zukunft auch mit dem Wasser aus dem Bodensee geheizt und gekühlt werden. VN/Paulitsch

Keine Landeshauptstadt heizt so klimaschädlich wie Bregenz. 

Schwarzach Bregenz hat eine riesengroße Heizung direkt vor der Haustür.

„Das Potenzial zur Energiegewinnung durch den Bodensee ist sehr groß“, sagt Martin Schmid vom Schweizer Wasserforschungsinstitut der ETH (Eawag). Er befasst sich dort unter anderem mit Seethermie. Dazu wird mit Pumpen das Seewasser aus rund 20 bis 40 Metern an das Ufer gepumpt. In dieser Tiefe fallen die Temperaturen nicht unter fünf Grad, sagt er den Vorarlberger Nachrichten. Mithilfe eines Wärmetauschers kann im Sommer gekühlt und im Winter geheizt werden. Das Seewasser wird nach dem Durchlaufen des Kreislaufes sauber und unversehrt wieder zurück in den See geleitet. Es handelt sich also um eine saubere, lokale und erneuerbare Energiequelle.

Gestiegener Wärmebedarf

Der Blick in die Schweiz lohnt sich dieser Tage. Denn in Bregenz sind in 90 Prozent der Wohngebäude fossile Energieträger zum Heizen im Einsatz. Damit ist die Landeshauptstadt in diesem Bereich der österreichischen Klimabilanz Schlusslicht. Gas hat einen Anteil von 75 Prozent und Öl einen Anteil von 15 Prozent, rechnet die Umweltschutzorganisation Global 2000 in einem aktuellen Bericht vor. Nur sieben Prozent der Haushalte besitzen ein erneuerbares Heizsystem. Fernwärme gibt es in Bregenz gar keine.

Zudem ist der Wärmebedarf in den vergangenen zehn Jahren außerdem um 16 Prozent gestiegen – und damit auch die Treib­hausgasemissionen. Positiv sei, so Johannes Wahlmüller, Klimaexperte bei Global 2000, dass bereits vielversprechende Projekte in Vorbereitung sind: So will man ein Nahwärmenetz errichten, eine Klimastrategie ist in Vorbereitung. Und die Stadt Bregenz deckt laut eigener Auskunft bei den öffentlichen Gebäuden etwa ein Viertel des Gasverbrauchs durch Biogas. Wahlmüller ergänzt: „Es besteht dennoch weiter Handlungsbedarf.“

Große Klimaschutzprojekte in Bregenz

Das Thema „Heizen und Kühlen mit Seewasser“ liegt auch in der Bregenzer Stadtregierung auf dem Tisch, bestätigt Heribert Hehle. Der Stadtrat ist unter anderem für Klima, Umwelt und Energie zuständig. Die Technologie soll zum Beispiel im Festspielhaus, neuen Hallenbad und Freibad zum Einsatz kommen. „Weiter wird derzeit die Möglichkeit diskutiert, den Rathausbezirk, die entstehenden Projekte Seestadt und Seequartier, das neue Quartier im Weiherviertel und das angedachte Hotel beim Hallenbad miteinzubeziehen“, so Hehle. „Die Stadt Bregenz ist sich der Hausforderungen bewusst, die zum großen Teil historisch gewachsen sind und seit nunmehr über sechs Jahren aktiv angegangen werden“, sagt er den VN.

Klimaneutral bis 2030

Im Oktober hat die Stadt inklusive ihrer Tochtergesellschaften beschlossen, bis 2030 klimaneutral zu werden. Stellschrauben sollen hier das Biomasseheizwerk Rieden, das Fernwärmeheizwerk im Weidach und die Nutzung von Abwärme aus Industriegebieten (etwa für neue Gebäude am Brachsenweg) sein. Bis 2030 ist jährlich ein Budget von 200.000 Euro für Photovoltaik auf städtischen Gebäuden geplant.

Im Bereich Seethermie gibt es vor allem zwei Punkte, die beachtet werden müssen, sagt Wissenschafter Martin Schmid: Die Betriebnahme der Pumpen verbrauche Strom. Und es sei wichtig, dass der See keinen Schaden nimmt. Dazu gebe es Prüfverfahren und in der Regel müsse die Wasserentnahme unterhalb von 15 Meter Tiefe erfolgen. „Die Oberflächenschicht weist eine höhere biologische Aktivität auf“, sagt er. Zudem ist die Wassertemperatur weiter oben auch viel variabler und damit weniger zuverlässig für die Energiegewinnung. Ein Blick in die Praxis: Bereits rund 100 Anlagen seien in der Schweiz in Betrieb, sagt Schmid: „Wir haben noch nichts von negativen Auswirkungen beobachtet.“

Klima: Welches Potenzial im Bodensee schlummert

Kein gutes Zeugnis für Österreich

Städte spielen eine Schlüsselrolle beim Klimaschutz – leben doch fast zwei Drittel der österreichischen Bevölkerung in urbanen Räumen. „Gleichzeitig sehen wir, dass die Wärmeversorgung dort klimaschädlich ist und zu wenig getan wird, um das zu ändern“, so Wahlmüller. So sieht die Situation im Rest von Österreich aus: Wien deckt 57 Prozent seines Wärmebedarfs mit Erdgas. In Salzburg und Innsbruck liegt der Anteil bei rund 30 Prozent. Eisenstadt steht bei 64 Prozent. Heizöl hat vor allem in Innsbruck (43 Prozent), Klagenfurt (43 Prozent), Salzburg (18 Prozent) und Bregenz (15 Prozent) einen hohen Anteil in den Haushalten. Gerade angesichts aktueller geopolitischer Entwicklungen ist Heizen ein brisantes Thema. Johannes Wahlmüller fordert daher, Investitionen in erneuerbare Energien zu beschleunigen: „Wir können uns damit von Gaslieferungen aus Russland unabhängig machen und gleichzeitig die Klimabilanz verbessern.“