Virus gnadenlos
„Ein kleiner Stich kann Leben retten”.
Als ich diese Schlagzeile in den VN gelesen habe, dachte ich mir: Toll, präziser und knapper kann man es nicht formulieren, wenn man die Impfverweigerer dazu bewegen will, von der Haltung des „Ich, ich, ich“ abzurücken und auch einmal an die Gesundheit der anderen zu denken.
Aber im Artikel war dann vom Blutspenden die Rede. Doch die Botschaft ist dieselbe: Wer sich impfen lässt, rettet. Vielleicht ein Leben. Ist das nicht mehr wert als die eigene Befindlichkeit? Die Botschaft richtet sich an alle aus dem wirren Haufen von Esoterikern, Homöopathie-Anhängern, Querdenkern, Rechtsextremen und jenen, die die Impfung verweigern, weil sie undefinierte Ängste haben oder per Attest befreit sind.
„Bei allem Respekt vor der großen Leistung von Angela Merkel: Ihre Pandemie-Bekämpfung war kein Ruhmesblatt.“
Das Virus ist nach wie vor gnadenlos. Auch zu Politikern. Es entlarvt sie und straft sie in der Wählergunst, wenn ihre flotten Sprüche sich als Nebelgranaten erweisen. Ob sie nun Bolsonaro, Trump oder Johnson heißen. Irgendwann einmal werden sie entzaubert. So wie in Deutschland Spahn oder Söder. Bei allem Respekt vor der großen Leistung von Angela Merkel: Ihre Pandemie-Bekämpfung war kein Ruhmesblatt. Sebastian Kurz ist auch an seinem Versagen in der Pandemie gescheitert. Neben den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und den niveaulosen Chats. Spätestens als die Landeshauptleute den Kurz-Platzhalter Schallenberg und Minister Mückstein an den Achensee antanzen ließen und ihnen entgegen der Kurz´schen Message den Lockdown aufgezwungen hatten, war sein Schicksal besiegelt. Gesetzt den für mich unwahrscheinlichen Fall, dass Kurz noch einmal zu einer Wahl angetreten wäre: Die Wähler hätten ihm eine schallende Ohrfeige verpasst. Er, der seine Politik fast nur auf Volkes Stimme aufgebaut hat, musste einsehen, dass er beim Volk unten durch ist.
Das Virus entlarvt gnadenlos auch die Opposition. Einziger Vorschlag nach dem Kurz-Rücktritt war der nach Neuwahlen. In der SPÖ hielt das nicht lange. Einer der wenigen, die in der Pandemie Leadership beweisen, der Wiener Bürgermeister Ludwig, pfiff seine Parteivorsitzende zurück. Seit die Meinungsforschung signalisiert, dass Neuwahlen überhaupt keine Mehrheit in der Bevölkerung finden, ist die Sache verstummt. Das Virus entlarvt anonyme Lehrer und Lehrerinnen, die offenbar ungeimpft und wohl nicht alle getestet vor ihre Schüler getreten sind und die eigene Befindlichkeit vor das Wohl der ihnen Anvertrauten gestellt haben. Leute, die sich leicht schützen könnten, gefährden Kinder, die sich nicht schützen können. Berufsethos? Das Virus entlarvt (einige wenige) Kindergärtnerinnen, die Kinder angesteckt haben und offenbar auch nicht getestet waren. Berufsethos? Es entlarvt und enttarnt „harmlose“ Demonstranten, die Polizisten gefährden, Spitalszufahrten blockieren und Neonazi-Sprüche klopfen. Ist auch die FPÖ-Ärztin Belakowitsch mit ihrer Orgie an Falschaussagen ein Corona-Opfer? Anderswo sicher, da wäre sie sofort rücktrittsreif. Bei uns bekommt sie noch Beifall. Welche Schande für einen Berufsstand, der gerade Unglaubliches leistet! Das Virus entscheidet das Schicksal in der Politik. Das Kabinett Nehammer/Kogler wird daran gemessen werden, wie es – mit den Landeshauptleuten, aber nicht unter deren Diktat – die vierte Welle meistert und einen weiteren Lockdown verhindert. Aber nur mit der Übernahme von Verantwortung wie bei Ludwig und klaren, verständlichen und allgemein gültigen Vorgaben und nicht mit dem aktuellen Fleckerlteppich.
Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landesdirektor, lebt in Feldkirch.
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