„mRNA-Impfstoffe sind Totimpfstoffe“

Politik / 06.12.2021 • 17:45 Uhr
Weltweit wurden mehr als sieben Milliarden Dosen von Biontech/Pfizer, Moderna (beide mRNA), AstraZeneca und Johnson&amp;Johnson (beide Vektor) verimpft. <span class="copyright">APA</span>
Weltweit wurden mehr als sieben Milliarden Dosen von Biontech/Pfizer, Moderna (beide mRNA), AstraZeneca und Johnson&Johnson (beide Vektor) verimpft. APA

Virologin Heidemarie Holzmann gibt im VN-Gespräch einen Überblick über die verschiedenen Impfstofftechnologien.

Wien Für Impfskeptiker könnte sich bald eine Türe öffnen. Viele warten auf einen Totimpfstoff, da sie den bislang zugelassenen Impfstoffen gegen das Coronavirus misstrauen. Ein Protein-basierter Totimpfstoff von Novavax steht kurz vor der Zulassung. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) prüft den Antrag.

Was viele nicht wissen: Auch die Vektor- und mRNA-Vakzine sind im Grunde Totimpfstoffe, wie Virologin Heidemarie Holzmann erklärt. Sie ist Mitglied des Nationalen Impfgremiums und leitete bis vor kurzem die Abteilung für Angewandte Medizinische Virologie an der MedUni Wien. Weltweit wurden mehr als sieben Milliarden Dosen von Biontech/Pfizer, Moderna (beide mRNA), AstraZeneca und Johnson&Johnson (beide Vektor) verimpft, über 640 Millionen in der EU. Die hohe Wirkung und Sicherheit sind erwiesen, sagt Holzmann. Die Quote der Impfdurchbrüche bei vollständig geimpften Personen in Österreich liegt laut AGES bei 1,22 Prozent. Diese Infektionen zeigen in der Regel einen milderen Krankheitsverlauf. 

Auch die Vektor- und mRNA-Vakzine sind im Grunde Totimpfstoffe, wie Virologin Heidemarie Holzmann erklärt. <span class="copyright">Marko Kovic</span>
Auch die Vektor- und mRNA-Vakzine sind im Grunde Totimpfstoffe, wie Virologin Heidemarie Holzmann erklärt. Marko Kovic

„Es ist eine Bereicherung, wenn weitere Impfstoffe hinzukommen. Das heißt jedoch nicht, dass man in der jetzigen epidemiologischen Situation auf sie warten sollte. Jetzt haben Ungeimpfte ein hohes Risiko sich zu infizieren und wir sehen ja, dass das Risiko von Komplikationen bei einer Coronaerkrankung um ein Vielfaches höher ist, als unerwünschte Nebenwirkungen bei einer Impfung“, hält die Virologin fest. Impfstoffe wie jener von Novavax hätten allerdings den Vorteil, dass sie einfacher zu lagern und zu transportieren seien. Das helfe vor allem in weniger gut entwickelten Ländern.

Im VN-Gespräch bietet die Expertin einen Überblick über die verschiedenen Impfstoffarten.

Auch mRNA-Impfstoffe sind nicht vermehrungsfähig.
Auch mRNA-Impfstoffe sind nicht vermehrungsfähig.

mRNA-Impfstoffe: Im Grunde sind auch mRNA-Impfstoffe Totimpfstoffe, erklärt Holzmann. „Auch sie sind nicht vermehrungsfähig.“ Während bei anderen Impfstoffen die abgetöteten Erreger oder Teile davon direkt verabreicht werden, gibt es beim mRNA-Impfstoff aber nur den Bauplan. Im Falle des Coronavirus ist es der Bauplan des Spike-Proteins. Der Impfstoff wird in den Muskel verabreicht. Die Körperzellen nehmen so die mRNA auf und lesen den Bauplan, wie die Virologin erklärt. „Daraufhin produzieren unsere eigenen Zellen das Spike-Protein selbst. Da es als fremd erkannt wird, präsentieren sie es an der Zelloberfläche dem Immunsystem.“ Dadurch werden Abwehrzellen und Virus-neutralisierende Antikörper gebildet. Argumenten, wonach die mRNA-Technologie nicht ausreichend erprobt sei, entgegnet Holzmann: „mRNA Impfstoffe werden seit 30 Jahren erforscht. Diese Technologie wurde bereits in anderen medizinischen Bereichen, wie bei der Krebsbehandlung, verwendet.“ Mythen, wonach mRNA-Impfstoffe Einfluss auf das menschliche Erbgut nehmen, stimmen nicht. „Die mRNA dieser Impfstoffe wird nach kurzer Zeit von den Zellen abgebaut. Sie wird nicht in DNA umgebaut und hat keinen Einfluss auf die menschliche DNA.“ Nach dem Abbau der mRNA findet keine weitere Produktion des Antigens statt.  

Beim Vektorimpfstoff wird ein abgeschwächtes Virus verwendet, um den Bauplan in die Zelle zu bringen. <span class="copyright">AFP</span>
Beim Vektorimpfstoff wird ein abgeschwächtes Virus verwendet, um den Bauplan in die Zelle zu bringen. AFP

Vektorimpfstoffe: Vektorbasierte Impfstoffe bestehen aus abgeschwächten Viren, die Zellen infizieren, sich aber nicht vermehren können. Sie wurden gentechnisch so verändert, dass sie in ihrer Erbsubstanz den Bauplan für einen oder mehrere Bestandteile des Erregers enthalten. Das abgeschwächte Virus wird dazu verwendet, den Bauplan in die Zelle einzubringen. In der menschlichen Zelle wird er abgelesen, muss aber von der Zelle erst in mRNA umgeschrieben werden, bevor sie mit der Produktion des Proteins beginnen kann. Dieses wird dann wieder dem Immunsystem präsentiert, das darauf reagiert. Die Vektorviren bei den Impfstoffen von AstraZeneca und Johnson&Johnson sind Adenoviren. Sie werden über das Immunsystem kontrolliert und wieder abgebaut, danach findet keine weitere Antigenproduktion statt. Es kommt auch nicht zum Einbau in die menschliche DNA. Beispiele für Impfungen: Ebola, Corona (AstraZenca, Johnson&Johnson) 

Die Zeckenimpfung zählt zu den Totimpfstoffen. Sie enthalten zum Beispiel ganze Viren, die durch Hitze oder chemische Stoffe inaktiviert wurden. <span class="copyright">APA</span>
Die Zeckenimpfung zählt zu den Totimpfstoffen. Sie enthalten zum Beispiel ganze Viren, die durch Hitze oder chemische Stoffe inaktiviert wurden. APA

Totimpfstoffe: Bei Totimpfstoffen werden die Krankheitserreger abgetötet oder inaktiviert, sodass sie sich im Körper nicht mehr vermehren und eine Infektion auslösen können. Um eine gute Immunantwort zu erzielen, enthalten sie einen Wirkungsverstärker. Meist müssen sie regelmäßig aufgefrischt werden. Es gibt unterschiedliche Totimpfstoffe: Zum einen die Ganzvirusimpfstoffe. Sie enthalten ganze Viren, die durch Hitze oder chemische Stoffe inaktiviert wurden. „Das ist bei der Zeckenimpfung der Fall. Dieser Impfstoff ist unglaublich gut wirksam“, erklärt Holzmann. Bei anderen Totimpfstoffen wird das Virus hingegen mechanisch gespalten, sodass der Impfstoff Virusbruchstücke enthält. Solche Spaltimpfstoffe werden zum Beispiel gegen Influenza eingesetzt. Außerdem gibt es Subunitimpfstoffe, die nur aus einem Teil des Krankheitserregers bestehen. Bekanntes Beispiel ist die Hepatitis-B-Impfung, die nur das Oberflächenprotein enthält, das in Hefezellen hergestellt wurde. Beim Coronaimpfstoff Novavax wird ein Spikeprotein verabreicht, das im Labor auf Insektenzellen hergestellt wird. Hinzu kommt ein ganz neuer Wirkverstärker aus Bestandteilen des Seifenrindenbaums.  

Die Masernimpfung zählt zur Gattung der Lebendimpfstoffe. <span class="copyright">DPA</span>
Die Masernimpfung zählt zur Gattung der Lebendimpfstoffe. DPA

Lebendimpfstoffe: Lebendimpfstoffe enthalten Krankheitserreger, die in ihren krankmachenden Eigenschaften abgeschwächt sind. „Es handelt sich um eine natürliche Form der Infektion. Das Virus vermehrt sich, das Immunsystem erkennt es als fremd und baut eine langanhaltende Immunität auf“, erklärt Holzmann. Man infiziert sich ohne gesundheitliche Beeinträchtigung, löst aber eine Abwehrreaktion des Körpers aus. Beispiele: Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln, Gelbfieber.