Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Tyrannei und kein Ende

Politik / 29.11.2021 • 06:30 Uhr

Warum wir in diesen Lockdown geschlittert sind, darüber „ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen“ (Karl Valentin).

Die Botschaft ist durch, auch wenn sie nicht alle hören wollen. Die Impfverweigerer am wenigsten und die Regierung ringt sich zögerlich zu Entschuldigungen durch. Die Fehleranalyse sollten wir uns für ruhigere Zeiten aufbewahren.

„Am wichtigsten wäre jetzt, dass die Regierung endlich sagt, was sie vorhat, außer der wohl unvermeidbaren Impfpflicht.“

Auch die Haltung der Opposition, denn wenn der stellvertretende SPÖ-Clubobmann Leichtfried meint, „es sei ja nicht unsere Aufgabe, Lösungen zu erarbeiten, sondern nur die Regierung zu beurteilen“, ist das die Bankrott-Erklärung einer politischen Partei. In einer anderen Kategorie der Verantwortungslosigkeit sind die steten Vergleiche von Herbert Kickl mit einer „Diktatur“ und dessen Beförderungen der Impfängste. Mittlerweile sind Menschen zu Tode gekommen, die Kickls Wurmmittel oder Vitamine eingenommen haben. Angeblich kann Kickl dafür nicht belangt werden. Leuchtet mir nicht ein.

Am wichtigsten wäre jetzt, dass die Regierung endlich sagt, was sie vorhat, außer der wohl unvermeidbaren Impfpflicht. Es ist ja nicht so, dass es nicht Länder gibt, die weitaus erfolgreicher bei der Pandemie-Bekämpfung sind. Also: Was haben Israelis, Spanier, Portugiesen, Dänen besser gemacht? Nachmachen! Mittlerweile ist bekannt, dass dort keine so große Skepsis gegenüber Wissenschaft, Ärzten und Pharma-Industrie besteht wie bei uns (und in Deutschland und der Schweiz). Was tut unsere Regierung, um diese Skepsis zu überwinden? Die Israelis haben schon vor Monaten allen (!) Bürgern Impftermine zugeschickt, bei uns läuft das jetzt schleppend an. Mehr Tempo bitte!

Die „Tyrannei der Ungeimpften“ (Weltärzte-Chef Montgomery) dauert schon viel zu lange. Spitalsärzte und Pfleger werden bedroht, impfende Mediziner, Impfzentren, Journalisten, ebenso Polizisten, die ihre Pflicht erfüllen, und Politiker samt Familie. Manche dieser Impfverweigerer tun so, als seien sie die neuen Juden und vergleichen den Lockdown mit den unmenschlichen Taten der Nazis. Kann man wirklich so tief sinken?

Der Direktor des BG Dornbirn muss sich wüste Beschimpfungen anhören, bloß weil er die Eltern per Brief informiert hat, dass „nur die flächendeckende Impfung die Lösung des Problems bringt“. Wo bleibt bei all diesen Zumutungen der Aufschrei der Geimpften? Immerhin, in den Leserbriefspalten dieser und anderer Zeitungen melden sich immer mehr, denen das Ignorieren sämtlicher Fakten reicht. Sogar gegen das wirklich dümmliche und fakten-ignorierende Inserat der Firma Heron wird zaghaft protestiert. Einer Firma, die Geimpfte und Ungeimpfte gleichermaßen willkommen heißt. Nein, Ungeimpfte, so sie keinen triftigen medizinischen Grund haben, sollten in einer Gesellschaft, die die Solidarität auf ihre Fahnen geheftet hat, nicht willkommen sein. Der Philosoph Robert Pfaller hat unlängst bei den „Montforter Zwischentönen“ gemeint: „Wir erleben derzeit, wie moralisierende Fanatiker wie von einem Dämon besessen sind“. Wie wahr! Wie aber die Skeptiker überzeugen? Bei jenen, die jetzt noch gegen die Impfung seien, sei das kaum mit positiven Anreizen wie eine Lotterie möglich. Das meint die Gesundheitswissenschafterin Tanja Stamm von der MedUni Wien. Sie sagt, dass die Impfpflicht ein vernünftiger Schritt sein kann. Die Diskussion sei in einen derartigen Glaubenskrieg ausgeartet, dass es schwierig sei, zuzugeben, dass man sich hat überzeugen lassen. Bei einer Impfpflicht aber könne man sich impfen lassen, ohne sein Gesicht zu verlieren, sagte Stamm gegenüber den SN. Und: „Wer weiß, vielleicht zeigt ja schon die Ankündigung der Impfpflicht Wirkung“.

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.