B.1.1.529: Was wir von der neuen Virusvariante wissen

Österreich schottet sich gegen neue Variante ab: Sorge vor höhere Infektiosität und geringerem Impfschutz.
Wien Eine neue Virusvariante breitet sich aus. Auch in der EU ist die in Südafrika erstmals detektierte Variante B.1.1.529 angekommen. Das belgische Gesundheitsministerium teilte mit, einen ersten Fall im Land zu haben. Österreich ist bislang nicht betroffen, verschärft aber die Einreiseregeln aus sieben Staaten im Süden Afrikas. Der Flugverkehr wurde gekappt. Auslandsösterreicher, die Hilfe brauchen, sind aufgerufen, sich beim Außenressort zu melden. Ob die neue Variante ansteckender ist und die Impfung noch wirkt, ist unklar. Die ersten Daten aus Südafrika stimmen aber wenig optimistisch.
Was ist über die neue Variante bekannt?
Derzeit noch zu wenig. „Wir wissen nur, dass sich die Variante in Südafrika in relativ kurzer Zeit schnell verbreitet hat“, erklärt Gesundheitsexperte Armin Fidler. Mindestens 22 Fälle sind dort bekannt, vermutet werden aber deutlich mehr. B.1.1.529 wurde außerdem bei Reisenden aus Südafrika in Botsuana und Hongkong nachgewiesen. Israel entdeckte die neue Variante bei einem Heimkehrer aus Malawi. Auch Belgien meldete einen Fall.
Ist B.1.1.529 ein Grund zur Sorge?
„Man ist immer in Sorge, wenn sowas passiert“, meint Fidler. „Aber man weiß nie, in welche Richtung es sich entwickelt.“ Ähnlich formuliert es Florian Krammer, österreichischer Forscher an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York. Grund zur Panik bestehe noch nicht, sagt er. Susan Hopkins vom Imperial College in London spricht hingegen von der besorgniserregendsten Variante, „die wir je gesehen haben“. Sie warte aber auf noch mehr Daten.

Wird die B.1.1.529 die derzeit vorherrschende Delta-Variante ablösen?
Das hängt laut Fidler vom genetischen Profil des Virus ab. „Die Delta-Variante hat alle anderen in kürzester Zeit weltweit verdrängt.“ Mittlerweile ist sie für mehr als 99 Prozent aller Ansteckungen mit dem Coronavirus weltweit verantwortlich. „Ob die neue Variante einen Selektionsvorteil hat, weiß derzeit niemand. Wir wissen nur, dass es sich um eine große Mutation handelt“, sagt Fidler. Krammer berichtet, dass im Spike Protein 32 Mutationen entdeckt wurden, auch an der Stelle, mit der das Virus an Zellen andockt.
Wirkt der Impfschutz noch?
Derart viele Mutationen im Spike-Proteins seien nicht gut, erklärt der österreichische Forscher in New York. Es könnte also erstmals eine Anpassung von Impfstoffen notwendig werden. Aus Sicht des südafrikanischen Virologen Shabir Madhi dürften die bisherigen Impfstoffe gegen B.1.1.529 zwar schützen, aber weniger wirksam sein. James Naismith, Professor für Strukturbiologie an der Universität Oxford, ist sich im BBC-Interview fast sicher, dass die aktuellen Impfstoffe an Effektivität verlieren. Impfstoffhersteller Biontech wird sich die neue Variante genauer ansehen und rechnet spätestens in zwei Wochen mit Erkenntnissen.

Muss die Coronaimpfung angepasst werden?
Die Daten aus den nun laufenden Labortests werden laut Biontech Aufschluss geben, ob eine Anpassung des Impfstoffs nötig ist, wenn sich die neue Variante international verbreitet. In dem Pharmabetrieb heißt es, man habe mit dem US-Partner Pfizer schon vor Monaten Vorbereitungen getroffen, um im Fall einer sogenannten Escape-Variante des Virus den Impfstoff innerhalb von sechs Wochen anzupassen und erste Chargen binnen 100 Tagen auszuliefern. Dafür seien klinische Studien gestartet worden, um Daten zur Sicherheit und Verträglichkeit zu erheben.
Ist B.1.1.529 ansteckender?
Noch wisse man zu wenig darüber, ob die neue Variante ähnlich infektiös oder sogar infektiöser ist, sagt Krammer. Laut dem südafrikanischen Genomforschungsinstitut NGS-SA ist es auf Grund der vielen Mutationen aber naheliegend.

Gibt es bereits B.1.1.529-Fälle in Österreich?
Sämtlichen Monitoring-Stellen in Österreich sind derzeit keine Fälle der neuen Variante bekannt. Auch im Abwasser-Monitoring wurde sie bisher nicht nachgewiesen, berichtet Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne). Er bittet alle, die in den vergangenen zehn Tagen aus Südafrika, Lesotho, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Namibia oder Eswatini zurückgekehrt sind, die AGES-Hotline 01/2675032 zu kontaktieren. „Daraufhin erhalten Sie Informationen, wohin Sie sich für eine behördliche PCR-Testung wenden können. Sämtliche Proben werden in Folge auf mögliche Virusvarianten analysiert.“ Dies sei eine Vorsichtsmaßnahme.
Ist eine Einreise aus Südafrika noch erlaubt?
Südafrika, Lesotho, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Namibia und Eswatini werden als Virusvariantengebiete eingestuft und Einreisen aus diesen Ländern ab heute, Samstag, untersagt, teilt das Gesundheitsministerium mit. Das Außenministerium spricht eine Reisewarnung (Stufe 6) für diese sieben Länder aus. Ressortchef Michael Linhart (ÖVP) warnt vor allen touristischen und nicht notwendigen Reisen, einschließlich Urlaubs- und Familienbesuchsreisen in diese Länder.

Dürfen Österreicher aus den Virusvariantengebieten einreisen?
Nach Angaben des Außenministeriums befinden sich derzeit 4400 Auslandsösterreicher und rund 170 Reiseregistrierte aus Österreich in den oben genannten Staaten. Die allermeisten von ihnen halten sich in Südafrika auf. Wollen sie nach Österreich zurück, sind sie zur Einreise berechtigt, haben aber strenge Quarantäneregelungen einzuhalten: zehntägige Quarantäne, PCR-Test bei der Einreise, Registrierung. Die Einreise wird insofern schwierig, als ein Landeverbot für Flüge aus den betroffenen Ländern gilt, nicht nur in Österreich, auch in Deutschland, Frankreich und anderen Staaten. Das Außenministerium bittet alle, die Hilfe brauchen, sich zu registrieren (auslandsservice.at, Notfallnummer +43 1 90115 4411).