Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Verführt von falschen Propheten

Politik / 26.11.2021 • 21:30 Uhr

Anfang der 1980er Jahre löste ein Gendarm im Dachboden eines Bregenzer Gasthauses ein Geheimtreffen mit dem deutsch-kanadischen Holocaust-Leugner Ernst Zündel auf. Das polizeiliche Einschreiten des späteren Sicherheitsdirektors Dr. Elmar Marent wurde von Zündels Kameraden schon damals auf Video festgehalten – und vom Eigen-Verlag per VHS-Versand vertrieben. Im Video, das im Internet kursiert, wird das Publikum werbewirksam angehalten, die Kassette zu kopieren, um den Inhalt an Freunde weiterzugeben.


Damals, zur Hochzeit von Neonazis und Sekten waren Kettenbriefe oder Videokassetten die Mittel der Wahl, um die eigene Lehre zu verteilen. Die Infrastruktur, um jede beliebige Behauptung, jede Falschmeldung ungeprüft weltweit zu streuen, kann heute dank YouTube, Facebook, Telegram und Whatsapp jeder kostenlos für sich nutzen. Corona-Fake-News gehen viral.
Die direkte Kommunikation in Chat-Gruppen spielt eine besondere Rolle. Dort, wo Internet-Suchmaschinen nicht hinkommen. Inhalte von Corona-Maßnahmen-Gegnern mischen sich mit Beiträgen von lauten Impfgegnern, mit generellem, gemäßigtem Unmut, aber auch klar reichsbürgerlichen Überzeugungen – garniert mit einem bunten Haufen Fake-News aus aller Welt. Der abstoßende Vergleich der vermeintlichen Impfdiktatur zur NS-Zeit ist allgegenwärtig: Foto von KZ-Abzeichen im Vergleich zum QR-Code. Dann postet einer ein Foto eines Grablichts vor dem Lustenauer Rathaus. Nicht für die bislang 28 Corona-Toten der Marktgemeinde, sondern aus Mitleid für die Geimpften – zum Hohn.
„Der Aufstand hat begonnen! Die Wende beginnt.” Die angeblichen Inhalte der Gruppen sind auffallender, emotionaler als jene Nachrichten, die in angestammten Medien von Journalisten geschrieben werden. „Ja seht ihr sie denn nicht, die Wahrheit?” Diese Videos, diese Schaubilder sind zum Teilen, zum Weiterleiten gemacht. Webseiten, die aussehen, als wären sie von seriösen TV-Sendern gemacht. Der Onlinesender „Auf1” ist eine auch in den Vorarlberger Telegram-Gruppen gern geteilte Quelle. „Chefredakteur” Stefan Magnet ortet Coronabetrug und redet den Zusehern in nahezu jedem Video ein, dass wahlweise ein vorsätzlicher Blackout, der „große Reset” oder Szenarien aus anderen gängigen globalen Verschwörungstheorien unmittelbar bevorstünden. Der dazugehörende Onlineshop verkauft Werbematerial (für die Demos), Coronaleugner-Bücher (ausverkauft) und ein Notfall-Radio (für den Weltuntergang).


„Wir sind keine Nazis”, schreien sie auf der Coronademo in Bregenz. Mag sein, aber sie sind auf mindestens einen hereingefallen: TV-Frontmann Magnet, dessen Verschwörungstheorien in den „Widerstands”-Telegram-Channels verbreitet werden, war in Jugendjahren Mitglied des Neonazi-“Bund freier Jugend“, er ist Teil der rechtsstrammen Linzer Medienschmiede rund um Auf1, Report24 und Wochenblick. „Wenn wir zweifeln, wer sollte dann aufrecht stehen?”, beschwört er nun die Zuseher, nicht vom Irrglauben abzufallen. Immer mehr Menschen würden erwachen, immer mehr Lügen würden auffliegen.
Noch ein weiterer Akteur spielt eine tragende Rolle: Russland, mit einer veritablen Desinformationskampagne. Corona ist ein perfektes Umfeld, um von außen Unsicherheit zu schüren.


Wo haben die meisten Leute die Sonntagsdemonstration aus Wien live verfolgt? Auf YouTube, werden Sie sagen. Ja, und wo genau? Tja, auf einem Kanal namens Ruptly. Die internationale Videoagentur arbeitet in staatlichem russischen Auftrag, finanziert vom staatlichen russischen Medienbetrieb Rossija Sewodnja. Während der deutsche Sender RT deutsch, der bei Coronaleugnern noch höher im Kurs steht als manch heimisches Programm, im September von YouTube abgedreht wurde, sendet Putins Auslandsverwirr-Propagandaprogramm weiter auf seinen anderen Accounts. So, wie früher über feindlichem Territorium Flugblätter abgeworfen wurden. Coronademo, total unpolitisch, klar. Präsentiert von Wladimir Wladimirowitsch Putin.
Die technischen Plattformen lehnen jede Verantwortung ab und die falschen Propheten werden bei Sperren neue Onlinekanäle eröffnen. In Vorarlberg, in Österreich, in Europa bleiben Verunsicherung und Misstrauen: Gift für unsere Gesellschaft.

Gerold Riedmann

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