Wie Israel die vierte Welle ohne Lockdown gemeistert hat

Politik / 24.11.2021 • 15:00 Uhr
Wie Israel die vierte Welle ohne Lockdown gemeistert hat
Als erstes Land setzte Israel auf das Boostern. Reuters

Frühzeitig setzte das Land auf Booster-Impfungen. Nun blickt es aber mit Sorge in die Zukunft.

TEL AVIV, BREGENZ Im September war die Corona-Situation in Israel besorgniserregend. Die täglichen Neuinfektionen erreichten noch nie dagewesene Höchstwerte, die Intensivstationen füllten sich. Dabei galt das Land, das früh auf das Vakzin von Biontech und Pfizer setzte, als Impfvorreiter. Der Erfolg schien sich ins Gegenteil zu verkehren. Heute ist klar: Die Befürchtungen haben sich nicht erfüllt. Dem Mittelmeerland ist es gelungen, die vierte Welle ohne Lockdown zu brechen. Doch wie? Und was kann Österreich daraus lernen?

“War uns ein paar Monate voraus”

Eines vorneweg: So hoch wie aktuell in Österreich war die Sieben-Tages-Inzidenz in dem rund 9,3 Millionen-Einwohner-Land selbst während der Hochphase der vierten Welle nicht. Dem Portal Corona in Zahlen zufolge war der Höhepunkt Mitte September mit etwa 878 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche erreicht. In Österreich beträgt die Inzidenz aktuell etwa 1085. „Es ist immer schwierig, Länder miteinander zu vergleichen“, gibt der Mediziner und Gesundheitsexperte Armin Fidler zu bedenken. „Faktoren wie beispielsweise die Impfbedeckung, die Kontakte, die Altersstruktur sind unterschiedlich.“ Ähnlichkeiten gebe es mit Blick auf die epidemiologische Situation aber sehr wohl. „Israel war uns ein paar Monate voraus.“

Faktoren wie die Impfbedeckung, die Kontakte, die Altersstruktur sind unterschiedlich.

Armin Fidler, Public Health-Experte

Der ORF-Korrespondent in Israel, Tim Cupal verweist auf die aktive Strategie des Landes bei der Impfstoffbeschaffung und der erfolgreichen Impfkampagne. Die medizinischen Daten lägen in Echtzeit vor. Als die Zahl der Impfdurchbrüche zunahm, zunächst vor allem bei älteren Personen, setzte das Land als erstes überhaupt konsequent auf Drittimpfungen – obwohl keine Erfahrungswerte, keine Vorbilder vorlagen. „Für die Regierung unter Premierminister Naftali Bennett gab es ein gewisses Risiko. Dieses wurde in Kauf genommen“, schildert Cupal. Um im Laufe der Kampagne auch jüngere Menschen zum Booster zu bewegen, seien die Schrauben beim Grünen Pass angezogen worden. Er wird jenen Bürgern entzogen, bei denen die letzte Impfdosis mehr als sechs Monate zurückliegt. Einen Lockdown habe es nicht gegeben, wenn auch Nachschärfungen bei der Maskenpflicht oder bei Versammlungsbeschränkungen.

Wie Israel die vierte Welle ohne Lockdown gemeistert hat
Tim Cupal berichtet für den ORF aus Israel. Cupal

Nun, etwa dreieinhalb Monate nach Beginn der Drittimpfungen, scheint der Erfolg der neuen Strategie rechtzugeben. Die Zahl der Neuinfektionen ist deutlich gesunken. Die Sieben-Tages-Inzidenz beträgt derzeit gerade einmal etwa 20. Mehr als vier Millionen Menschen sind dreifach geimpft.

Experte Fidler unterstreicht die Bedeutung des Boosters. Das habe das Beispiel Israel gezeigt. „Wir wissen, dass die Antikörper in unterschiedlicher Geschwindigkeit, je nach Vorerkrankung, ab dem vierten Monat nach der zweiten Impfung sinken.“ Mit der dritten Impfung ändere sich das. Die Zahl der Antikörper steige, und zwar deutlich. „Nicht nur der eigene Schutz ist höher. Die Infektiosität ist auch eine andere. Sollte es überhaupt zu einem Impfdurchbruch kommen, fallen die Symptome viel gelinder aus.“ Der Mediziner hält es allerdings für wahrscheinlich, dass weitere Auffrischungen notwendig sein werden. Noch sei es zu früh für neue Erkenntnisse aus Israel diesbezüglich. „Möglicherweise sehen wir nach sechs Monaten erneut einen Abfall beim Impfschutz. Auch der Vorsitzende von Biontech, Ugur Sahin, sagte im Zuge von internen Untersuchungen, dass zukünftig jährliche Impfungen notwendig sein könnten.“

Unlängst startete die Impfung von Kindern zwischen fünf und elf Jahren. <span class="copyright">AFP</span>
Unlängst startete die Impfung von Kindern zwischen fünf und elf Jahren. AFP

Besorgniserregende Entwicklung

Israel ist jedenfalls nicht sorglos geworden. Im Gegenteil. Journalist Cupal berichtet von einer Katstrophenübung für den Ernstfall einer derzeit noch fiktiven, verheerenden Omega-Variante. Außerdem verweist er auf Warnungen des obersten Corona-Beauftragten Salman Zarka vor einer fünften Welle. Premierminister Bennett schließe Einschränkungen zu Hannukah (28. November bis 6. Dezember) nicht mehr aus. „Anlass zur Sorge ist die hohe Zahl der Neuinfektionen und auch die Zahl der schweren Fälle unter Kindern“, schildert Cupal. Zwar hat Israel unlängst mit der Impfung der fünf- bis Elfjährigen begonnen. Allerdings: „Kritiker sagen, dass die Kinderimpfungen zu spät kommen.“