Friedenspreisträger als Kriegstreiber

Politik / 19.11.2021 • 21:02 Uhr
Ein gigantisches Bildnis von Ministerpräsident Abiy Ahmed ist auf diesem Gebäude in der Hauptstadt Addis Abeba zu sehen. reuters
Ein gigantisches Bildnis von Ministerpräsident Abiy Ahmed ist auf diesem Gebäude in der Hauptstadt Addis Abeba zu sehen. reuters

Äthiopien schlittert unter Abiy Ahmed in die Katastrophe.

addis abeba In Äthiopien ist der Vormarsch der Gegner von Ministerpräsident Abiy Ahmed Richtung Addis Abeba ins Stocken geraten. Doch weiter treibt „General Hunger“ die Menschen aus Tigray und andere Völkerschaften zum Sturm auf die Hauptstadt und den Sturz des Friedensnobelpreisträgers von 2019, aus dem ein blutiger Kriegsherr geworden ist.

Einfall in Tigray

Der Abstieg des Friedenshelden begann vor einem Jahr im November 2020 mit seinem militärischen Einfall in den aufmüpfigen Bundesstaat Tigray. Zunächst rückten die Regierungstruppen siegreich vor. Sie brachten zwar Befreiung von dem Regime der Tigray-Volksbefreiungfront TPLF, doch vor allem eine verheerende Hungersnot. Obwohl sich seitdem das Kriegsglück gewendet hat und die TPLF bis tief nach dem Süden zurückschlagen konnte, gibt es in der Heimat weiter viel zu wenig Essen. Denn noch immer greift im Norden die Blockade von Abiy Ahmed. Nach einem letzten Bericht sind an einem einzigen Tag in den 24 Spitälern von Tigray fast 200 Kinder an Unterernährung gestorben. Ein Ende dieser Aushungerungstaktik ist daher die Hauptforderung der Aufständischen bei den Verhandlungen, die hinter den Kulissen um einen Waffenstillstand geführt werden.

Diese gehen aber nur zäh voran, da auf Abiy Ahmeds Gegenseite neuerdings nicht nur die Tigrayer, sondern acht weitere Befreiungsbewegungen stehen. Sie haben sich zur „Vereinigten Front der äthiopischen Föderalisten und Konföderalisten“ zusammengetan. So ist der Tigray-Konflikt zu einem gesamtäthiopischen Bürgerkrieg ausgeufert. Dass dessen Rückgrat neben der TPLF jetzt die „Oromo Befreiungsarmee“ (OLA) darstellt, ist für den Machthaber in Addis besonders schmerzlich: Die Oromo sind Abiy Ahmeds eigenes Volk. Doch werden bei seinen  „Aufräumaktionen“ in der Hauptstadt mit Massenverhaftungen neben Tigrayern immer mehr Oromos „angehalten“ und in „Schutzhaft“ genommen.

Zuletzt wird Abiye Ahmed und seiner Gattin Zinash Tayachew, die beide als Pfingstchristen auftreten, sogar Unterstützung islamischer Interessen nachgesagt. First Lady Zinash lässt sich als „Gospelsängerin“ vermarkten, weil sie ab und zu bei einem evangelikalen Gebetstreffen einen ihrer Afro-Pop-Songs trällert. Jedenfalls gilt sie immer mehr als die starke, ehrgeizige Frau hinter dem Machthaber von Addis.

Abiy Ahmed, dem 13. Kind eines Muslims, werden jetzt von Gegnern wie auch Diplomaten islamistische Hintergedanken bei seinen mit dem Nobelpreis prämierten „Erfolgen“ nachgesagt. Der Frieden mit Eritrea wurde hauptsächlich geschlossen, um sich bei der späteren Aktion gegen Tigray den Rücken frei zu halten. Seine Vermittlung zwischen islamistischen Militärs und Demokraten wie Christen im Sudan von 2019 war mit ein Grund für den Friedensnobelpreis. Inzwischen hat sich aber erwiesen, dass dieser Kompromiss die jetzige Rückkehr der Muslim-Diktatoren an die Macht in Khartum begünstigt hat.