Corona: Weitere Verschärfungen fix

Die Beratungen laufen: Von der Ausweitung der Maskenpflicht bis hin zum nächtlichen Lockdown für alle.
Wien Nächtliche Ausgangssperren für alle sind nicht mehr tabu. Zumindest nicht für Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne).
Sie seien ein Teil des Maßnahmenpakets, das am Mittwoch mit den Ländern beraten werde, sagte er am Sonntagabend in der Zib2. Wenige Stunden später erhielt er eine Abfuhr von der ÖVP. Kanzler Alexander Schallenberg sieht keinen Bedarf in der Nachtgastronomie derart nachzuschärfen und Spielraum in anderen Bereichen, wie er im Ö1-Morgenjournal erklärt. Im Gesundheitsministerium schließt man hingegen gar nichts aus. Nach 20 Monaten Pandemie brauche es nicht viel Fantasie, um zu wissen, welche Verschärfungen drohen könnten. Ausgeweitete Maskenpflicht, Testpflicht für Geimpfte, Ausgangssperren: Alles würde diskutiert.

“Wie Jonglieren”
Mit der Pandemiebekämpfung ist es, als würde man drei Orangen in der Luft jonglieren, findet Public Health-Experte Armin Fidler einen Vergleich. Die erste Orange stehe für die epidemiologische Wirkung, die zweite für die politische Umsetzbarkeit und die dritte für die ökonomischen Kosten. „Ich kann mich nicht nur auf eine Orange konzentrieren, sondern brauche einen Kompromiss.“ Würde nur auf die Epidemiologie geachtet, bräuchte es einen harten Lockdown. Das wäre aber weder politisch noch ökonomisch akzeptabel. „Geimpfte würden sich fragen, weshalb sie für die Ungeimpften leiden, ihr Geschäft zusperren oder eine Reise absagen müssen.“
Ökonomisch wäre ein harter Lockdown gerade vor der Weihnachtszeit nicht mehr leistbar. „Man muss alles in die Waagschale legen. Wir versuchen uns mit einem Kompromiss durchzuwinden, in der Hoffnung, dass die Sättigung bald erreicht sein wird.“ Dies ist der Fall, wenn so viele Menschen infiziert sind, dass das Virus zu wenig Material hat, um sich weiter auszubreiten. Die Welle würde in Folge einbrechen, sagt Fidler. Allerdings könnten auch die besten Prognosen nicht sagen, wann es so weit sein werde.

Mehr Masken und mehr Tests
Mückstein betont, sich an den Vorschlägen der Experten orientieren zu wollen. Renommierte Wissenschaftler von Komplexitätsforscher Peter Klimek über die Virologen Andreas Bergthaler und Dorothee von Laer bis hin zu Simulationsforscher Niki Popper forderten vergangene „in einem unabhängigen Statement der Wissenschaft“ gleich mehrere Maßnahmen. Kontakte müssten um 30 Prozent reduziert werden, um die geringe Impfquote auszugleichen. „Dazu sind nur durchgreifende und unmittelbare Maßnahmen geeignet.”
Die bisher gesetzten Schritte hätten kaum eine dämpfende Wirkung gezeigt. Konkret müsse die FFP2-Maskenpflicht ausgeweitet werden. Geimpfte und Genesene sollen sich zusätzlich testen (2G plus). Aus 3G am Arbeitsplatz müsse 2,5G werden. Antigentests würden so nicht mehr als Nachweis gelten. Als mittel- und langfristige Maßnahmen nennen die Experten eine Erhöhung der Impfquote, sowie keine konsequente Impfauffrischung.

Die Coronakommission schlägt vor, bei zu hohem Risiko auf regionaler Ebene „kontaktreduzierende Maßnahmen“ für alle zu setzen und diese bei Bedarf auf das bundesweit umzusetzen. Dies brächte unter anderem Einschränkungen für Veranstaltungen in der Gastronomie und im Handel.
Im Gesundheitsministerium bittet man auf VN-Anfrage um Geduld. Im Wesentlichen hätten die Experten bereits alle Möglichkeiten ausgesprochen. „Die nächtlichen Ausgangssperren lagen bei den Verhandlungen bereits auf dem Tisch.“ Möglich wäre auch, Veranstaltungen nur noch mit zugewiesenen Sitzplätzen und entsprechenden Kapazitätsbeschränkungen zuzulassen. Die Ausweitung der Maskenpflicht trotz 2G-Regel gilt mittlerweile als nahezu fix. Die Empfehlung, wieder vermehrt im Home Office zu arbeiten, bleibe aufrecht.

Als Vorbote für etwaige Verschärfungen hat sich mittlerweile die Bundeshauptstadt bewiesen. Hier dürfen Geimpfte und Genesene nur noch in die Nachtgastronomie oder zu Veranstaltungen, wenn sie zusätzlich PCR-getestet sind. Die FFP2-Maskenpflicht gilt in allen nicht privaten Innenräumen. Personal in der Gastronomie, im Handel und bei körpernahen Dienstleistern müssen ebenso wieder Maske tragen. Eine nächtliche Ausgangssperre gibt es in Wien vorerst nicht. Bürgermeister Michael Ludwig wollte sich am Montag auch nicht dazu äußern. Er beteilige sich nicht an Spekulation. Ziel sei es jedoch weiterhin einen Lockdown zu verhindern.