Zigtausende Auffrischungsimpfungen fehlen

Alles zum Booster: Drittimpfung vier Monate nach dem zweiten Stich möglich. Anmeldesystem ist angepasst.
Wien Zigtausende Auffrischungsimpfungen fehlen. Sie könnten helfen, die vierte Welle langsam zu brechen. Allerdings wurden erst knapp 16.000 sogenannte Booster abgeholt, während diese schon bei über 45.000 Vorarlbergern nötig wären. Entweder liegt ihre Zweitimpfung länger als sechs Monate zurück oder sie wurden mit Johnson&Johnson geimpft. Älteren und Vorerkrankten, die AstraZeneca erhalten haben, rät das Nationale Impfgremium bereits nach vier Monaten zur Drittimpfung. Die Anmeldeplattform des Landes wurde nun entsprechend angepasst.
Wer soll sich eine Drittimpfung abholen?
Das Nationale Impfgremium rät zu einer Auffrischungsimpfung nach sechs Monaten. Alle, die mit dem Impfstoff von Johnson&Johnson geimpft wurden, sind hingegen umgehend dazu aufgerufen, sich einen weiteren Stich abzuholen. Tun sie das bis spätestens 3. Jänner nicht, haben sie kein gültiges Impfzertifikat mehr. Bei allen anderen läuft das Impfzertifikat neun Monate nach der Zweitimpfung aus. Diese Regelung gilt ab 6. Jänner.

Ist eine Auffrischung auch früher möglich?
Ja. „Wenn sich jemand früher impfen lassen möchte, ist es vier Monate nach der zweiten Impfung möglich“, erklärt Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher den VN. Für manche sei das sogar ratsam, meint Gesundheitsexperte Armin Fidler. Wer im Antikörperbefund nur geringe Werte vorweise, an einer Vorerkrankung leide oder schon etwas älter sei, solle sich früher impfen lassen. Dies gelte jedenfalls auch für jene, die mit AstraZeneca geimpft worden sind. „Eine Auffrischungsimpfung unter vier Monaten nach dem Zweitstich macht aber keinen Sinn.“
Ist Terminvereinbarung für ein Datum vier Monate nach der Zweitimpfung möglich?
Jetzt schon. Zum einen könne sich jeder ohne Anmeldung vor Ort impfen lassen, erklärt Rüscher. Man solle nur E-Card und Ausweis mitnehmen. Besser wäre es aber, sich anzumelden: „Wir haben das System so verändert, dass man zuerst die Termine sieht, die sechs Monate nach der Zweitimpfung angeboten werden. Man kann aber auch einen Haken setzen, dass man einen früheren Termin möchte. Dann scheinen alle Möglichkeiten ab vier Monaten nach der letzten Impfung auf“, sagt die Landesrätin. “Jeder der will, der kann.” Zwischen dem zweiten und dritten Stich müssen mindestens vier Monate beziehungsweise 120 Tage liegen, ansonsten wird die Impfung nicht als Auffrischung gerechnet.

Wie stark lässt die Wirksamkeit der Impfung nach?
Das sei von Person zu Person unterschiedlich und hänge unter anderem vom Alter und Vorerkrankungen ab, sagt Fidler. Es gebe aber auch pumperlgsunde Personen mit wenig Antikörpern nach der Impfung. Wenn die Wirksamkeit nachlasse, bedeute dies nicht, dass die zweifach Geimpften völlig ungeschützt seien. „Die Chance einer symptomatischen Infektion ist aber höher.“ Der Erfahrungswert zeige: „Nach sechs Monaten wird es brenzlig.“ Dies sei ein Mittelwert.
Wie viele Auffrischungsimpfungen fehlen derzeit?
Zigtausende, betont Fidler. Es sei dringend, die Booster nachzuholen, zumal zu Beginn des Jahres vor allem Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen geimpft wurden, ebenso Personal in systemkritischen Bereichen. Bislang wurden 15.884 Drittimpfungen in Vorarlberg verabreicht. Die Zweitimpfung liegt bei über 34.000 Personen schon länger als ein halbes Jahr zurück. Ende November werden über 71.000 Personen vor mehr als sechs Monaten ihren zweiten Stich bekommen haben. Hinzu kommen alle, die mit Johnson&Johnson geimpft wurden. Das sind weitere Tausende Personen. Ins Gewicht fallen auch die AstraZeneca-Geimpften. Bei ihnen ist in Vorarlberg laut E-Impfpass noch kein Drittstich registriert.

Warum wurde nicht von Anfang an gesagt, dass es eine dritte Impfung brauchen wird?
„Wir wussten im Frühjahr nicht, dass alle eine dritte Dosis brauchen werden“, sagt Fidler. Ansonsten hätte man im Sommer die großen Impfzentren nicht zugesperrt. „Retrospektiv hätten wir im Sommer mehr tun, viel mehr die Werbetrommel für die Impfung rühren und 2G früher einführen müssen.“ Der Gesundheitsexperte spricht von einem Hineinlernen in der Pandemie. Zum Beispiel sei noch unklar, ob und wann es eine Viertimpfung brauchen werde.
Wird die Drittimpfung die vierte Welle brechen können?
„Der Booster hilft relativ schnell, nämlich in zehn bis 14 Tagen.“ Alles andere komme erst später zu tragen. Jene, die nun ihre Erstimpfung bekommen, erreichen rund um Weihnachten die Vollimmunität. Ob ein Lockdown kommen könnte? „Ich wäre als Geimpfter stocksauer auf die Politik, wenn es so wäre“, sagt Fidler. Es wäre beschämend, wenn ein Wirt seinen Betrieb wieder schließen müsste, nur weil sich ein Drittel der Bevölkerung nicht impfen lasse. „Sie halten den Rest der Gesellschaft in Geiselhaft.“

Wie hoch muss die Impfquote sein?
„Wir haben immer gesagt, dass es im Herbst kritisch wird, wenn wir nicht mindestens 80 Prozent erreichen“, sagt Fidler. „Das ist notwendig, damit das Virus keine Ansteckungsmöglichkeiten, kein Brennmaterial mehr hat und das epidemische Geschehen zusammenbricht und erlischt.“ In Ländern wie Portugal und Spanien, die eine Impfquote von rund 80 Prozent vorweisen, sei dieser Effekt bereits sichtbar.
Sind Geimpfte, die sich infizieren, genauso ansteckend wie Ungeimpfte?
Nein, betont Fidler. Studien wiesen deutlich darauf hin, dass die Viruslast eines Geimpften in den Nasenschleimhäuten niedriger ist. „Jemand mit einer hohen Viruslast ist prädestiniert, die Viren weiterzugeben. Wenn sich bei einem Geimpften die Viren auf der Schleimhaut ansiedeln, schnappt sich das Immunsystem viele davon und vertilgt sie.“ Das schließe nicht aus, dass Geimpfte auch Überträger werden könnten, in der Regel aber deutlich weniger bis gar nicht.