Wiener Mut

Politik / 04.11.2021 • 21:00 Uhr
Wiener Mut

Als Innenminister Karl Nehammer diese Woche zu einem seiner selten gewordenen Interviews wieder einmal ein Fernsehstudio betrat, kam die Erinnerung, dass er früher ja eigentlich einmal Teil des ,virologischen Quartetts’ war. Jene Vierer-Anti-Viren-Kommission, in der Kanzler Sebastian Kurz etwas ankündigte, Vize Werner Kogler bestärkte, Gesundheitsminister Rudolf Anschober auf die kommenden, entscheidenden 14 Tage verwies und Nehammer zischte, dass es auch Strafen gäbe. Kurz-Kogler-Anschober-Nehammer, jederzeit hinter Plexiglas und vor den Live-TV-Kameras des Landes in viel zu vielen Pressekonferenzen. Damals, als die Politik die Pandemie ernster nahm. Damals, als es wenigstens so aussah, als ob es klare Verhältnisse gäbe.

Nun haben wir es amtlich, dass es ein massives Führungsvakuum in diesem Land gibt. Es ist nicht nur so, dass der alte Kanzler abgetaucht ist, sondern auch sonst alles, was negative Assoziationen zur früheren Kurz-Regierung oder dem ÖVP-Skandal auslösen könnte (und das sind relativ viele Regierungsmitglieder).
Eine nach wie vor ungeklärte Situation, die das Land lang genug gelähmt hat und weiter lähmt.
Genau in solchen unseligen Momenten passieren Fehlentwicklungen, die als solche klar bezeichnet werden müssen.

Auf Bundesebene passierte in Sachen Pandemie viel zu lange nichts, der Anstieg der Zahlen ist alarmierend. Das muss sich der grüne Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein vorwerfen lassen. Das müssen sich der Bundeskanzler Alexander Schallenberg und sein Vorgänger vorwerfen lassen. Natürlich gehen Corona und die damit verbundenen Maßnahmen allen mehr als auf die Nerven. Aber das politische Nichtstun hilft genauso wenig wie die Flucht in ein Traumreich aus Vitaminpillen, Youtube-Videos und Fake-News. Die Lösung läge nah: doch die Durchimpfungsquote, auch in Vorarlberg, ist unter dem EU-Schnitt und damit gefährlich niedrig. Die Anzahl der Boosterimpfungen ist noch nicht einmal der Rede wert.

Das ist nicht überall so, sondern vor allem in den von der ÖVP regierten Bundesländern. Musste sich in der ersten und zweiten Welle die rote Bundeshauptstadt ständig Kritik vom türkisen Kanzler anhören – so ist das sozialdemokratisch-liberale Wien mit seinem Bürgermeister Michael Ludwig der allergrößte Lichtblick in der Pandemiebekämpfung.
Während Österreich noch zweifelte, gurgelte in Wien längst alles.
Auf genaue PCR-Tests setzte Wien durchgehend, sehr niedrigschwellig.
Die dritte Impfung für alle nach sechs Monaten: zuerst in Wien.

Michael Ludwig ist gerade dabei, sein Profil als beherzter Bürgermeister tagtäglich zu festigen. Nicht stoisch auf Umfragen und kurzfristige Beliebtheit zu starren, sondern das Nötige im richtigen Moment zu tun. Auf die Menschen zu schauen. Möge es auch zunächst in gewissen Bevölkerungsgruppen unpopulär sein. Schnell hat er in der Außenwirkung den angriffigen Gesundheitsstadtrat Hacker in die zweite Reihe geschickt, jetzt kommuniziert der Chef persönlich. Und er hat das Ohr nah bei der Bevölkerung. Wenn eine beträchtliche Anzahl an Eltern ihre Kinder von 5-11 Jahren sehnlichst impfen lassen wollen, dann wird es dafür eine Lösung geben: Wien geht voran.

Dass die Impfung wirkt, zeigt auch der aufgrund von Virusmutationen schnell durchgeimpfte Bezirk im benachbarten Tirol: Er hat österreichweit die niedrigste Inzidenz.

Österreich hat auch im dritten Winter dieser Corona-Pandemie nicht genug dazugelernt. Wien, so scheint es, war da aufmerksamer.