Umstrittene Impfaktion für Fünf- bis Zwölfjährige

Politik / 04.11.2021 • 16:55 Uhr
Umstrittene Impfaktion für Fünf- bis Zwölfjährige
In den USA laufen die Impfaktionen für Kinder seit diesem Monat. “Dort war die Risiko-Nutzen-Abwägung definitiv auf Seiten des Nutzens der Impfung”, erklärt Kinderarzt Zwiauer.

Wien setzt auch ohne Zulassung auf Kinderimpfungen gegen Corona. Vorarlberg wartet die Entscheidung der Europäischen Arzneimittelagentur ab. Dazu rät auch Kinderarzt und Impfgremiumsmitglied Karl Zwiauer.

Wien Fünf- bis Zwölfjährige könnten bald geimpft werden. Noch im November ist mit einer Zulassung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zu rechnen, erklärt Karl Zwiauer, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde sowie Mitglied des Nationalen Impfgremiums, im VN-Gespräch. In Wien will Bürgermeister Michael Ludwig nicht so lange warten und kündigte ein Impfangebot für Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren an. Die Vorarlberger Landesregierung hält wenig davon. „Wie in der Vergangenheit werden wir auch bei der Kinderimpfung der Empfehlung des Nationalen Impfgremiums folgen. Voraussetzung dafür ist die Zulassung durch die EMA“, heißt es aus dem Büro von Landeshauptmann Markus Wallner. Ziwauer bringt zwar Verständnis für jene Eltern auf, die sich nach einer Kinderimpfung gegen das Coronavirus sehnen. Doch auch er hält es für klüger, die EMA-Zulassung abzuwarten.

Wien kündigte eine Impfaktion für Fünf- bis Zwölf-Jährige an. Ist das klug?

Bei aller Dringlichkeit und Sinnhaftigkeit der Covid-19-Impfung wäre es aus rein medizinischer Sicht vielleicht klüger, die EMA-Zulassung abzuwarten. Allerdings verstehe ich auch die emotionale Notlage vieler Eltern, die ihre Kinder impfen lassen wollen, wenn diese unter Umständen zu Hochrisikogruppen gehören. Vor diesem Spannungshintergrund ist wahrscheinlich die politische Entscheidung in Wien zu sehen. Die Fünf- bis Zwölfjährigen sind unbestritten derzeit stark am Infektionsgeschehen beteiligt.

"Eine generelle Freigabe der Impfung für Kinder würde ich zum aktuellen Zeitpunkt allerdings kritisch sehen", erklärt Zwiauer. "Wir müssen auf die Zulassung der EMA warten."
"Eine generelle Freigabe der Impfung für Kinder würde ich zum aktuellen Zeitpunkt allerdings kritisch sehen", erklärt Zwiauer. "Wir müssen auf die Zulassung der EMA warten."

Bei der Impfung geht es um die Abwägung, ob das Risiko einer Infektion oder der Impfung höher ist. Können Sie dieses Risiko bei Fünf- bis Zwölfjährige schon abschätzen?

In den USA ist die Coronaimpfung von Biontech/Pfizer bereits für diese Altersgruppe zugelassen. Dort war die Risiko-Nutzen-Abwägung definitiv auf Seiten des Nutzens der Impfung. Diese Daten sind uns aber nur über die Zulassungsgespräche bekannt. Offiziell wurden sie noch nicht publiziert. Die EMA ist aber bereits involviert. Ich denke es wird nicht mehr lange dauern, bis es zu einer Zulassung kommt.

Wird es noch im November so weit sein?

Wir hoffen das. Das brächte eine Erleichterung sowohl für die Eltern als auch für die Ärzte, weil dann nicht mehr „off label“ (Anm. ohne Zulassung) geimpft werden müsste.

In Wien impfen bereits einige Ärzte „off label“. Was raten Sie den Eltern?

Für manche Eltern ist es eine schwierige Situation, wenn sie Kinder mit einer Vorerkrankung haben, die durch eine Covid-Infektion schwer beeinträchtigt werden könnten. Da habe ich emotionales Verständnis, wenn sie versuchen unter allen Umständen eine Impfung zu bekommen. Da möchte ich auch niemanden verurteilen. Eine generelle Freigabe der Impfung für Kinder würde ich zum aktuellen Zeitpunkt allerdings kritisch sehen, weil wir derzeit zu wenig Daten haben. Wir müssen auf die Zulassung der EMA abwarten.

Wird es nach der Zulassung eine Empfehlung des Nationalen Impfgremiums geben?

Wir werden uns mit Sicherheit damit auseinandersetzen und eine entsprechende Stellungnahme abgeben. Ob es eine ausdrückliche Empfehlung wird, Fünf- bis Zwölfjährige zu impfen, hängt von den vorhandenen Daten und der Einschätzung der EMA ab.

Bisherige STudien zur Kinderimpfung

Die klinischen Studien zeigen nach Angaben von Biontech und Pfizer, dass der Impfstoff von Kindern unter zwölf Jahren gut vertragen wird und eine stabile Immunantwort hervorruft. Anders als bei Jugendlichen wurde hier nur ein Drittel der Dosis verabreicht. An der Studie nahmen nach Angaben der Unternehmen 4500 Kinder von einem halben Jahr bis elf Jahren teil, die Daten zu den Fünf- bis Elfjährigen beruhen auf 2268 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Beteiligt waren mehr als 90 Kliniken in den USA, Finnland, Polen und Spanien