Syrisches Herbstgewitter

Widerstand regt sich wieder. Türken wollen nach dem Rechten sehen.
ankara, damaskus An diesem Wochenende berät das Parlament in Ankara über eine Verlängerung des türkischen Militäreinsatzes in Syrien, dessen Befristung am 30. Oktober ausläuft. Zur Ausdehnung führt der Antrag von Verteidigungsminister Hulusi Akar jüngste Angriffe der syrischen Kurden mit Autobomben und Raketen in den von der Türkei besetzten Gebieten im Norden Syriens und auch auf türkischem Boden ins Treffen. Beobachter in Ankara weisen aber auf eine wieder allgemein explosivere Lage in dem Nachbarland hin, dessen zehnjähriger Bürgerkrieg 2020/21 abgeflaut war. Da will die Türkei freie Hand haben, falls sich die über Syrien neu aufziehenden Wolken in einem größeren Kampfgewitter entladen sollten.
Dessen erstes Wetterleuchten gab es am Mittwoch mitten in Damaskus an der Assad-Brücke. Dort fanden 14 Heeresoffiziere den Tod durch in einem Militärbus versteckte Sprengsätze. Es handelte sich offenbar um einen Vergeltungsakt für die Hinrichtung von 24 Widerstandskämpfern gegen das syrische Regime. Für den Anschlag übernahm eine „Saraya Qassioun“ (Kassion-Brigade) die Verantwortung, die sich nach dem Hausberg von Damaskus, dem Dschebel Kassion, nennt. Sie konzentriert sich seit Sommer 2019 auf Attentate mitten in der Hauptstadt unter der Nase von Baschar al-Assad und hat obendrein höhere Angehörige von dessen Streitkräften im Visier. Die Untergrundkämpfer agieren auch bevorzugt in Schiitenvierteln – so Nahr Aische – von Damaskus, was sie als weiterkämpfenden „Werwolf“ des extrem sunnitischen „Islamischen Staates“ nach der Zerschlagung von dessen syrischem Territorium einordnen lässt.
Assads Spitzel sind der „Saraya“ bisher nicht auf die Schliche gekommen. Vergeltung für den explodierten Offiziersbus wurde daher anderswo, im nordsyrischen Idlib genommen, wo verschiedene Bürgerkriegsgruppen bisher unter türkischem Schutz überleben durften. Nach der blutigen Bombardierung einer Volksschule mit Kindern und Zivilisten als Opfer, dürfte sich die Türkei berufen fühlen, ihr „Ordnungswerk“ in Nordsyrien mit den Operationen „Euphrat-Schild“ sowie „Friedensfrühling“ in diesem Spätherbst fortzusetzen.