Aushalten muss man aushalten
Kein Mensch wird gerne wegen seiner Meinung belehrt, zurechtgewiesen oder beschimpft, aber langsam gewöhne ich mich daran: Ich bin also für manche wahlweise „gemein“, „dumm“, „bösartig“, „spaltend“, „gehässig“, „unanständig“, „naiv“, „gestört“. Aber auch eine „arrogante Frau“, eine „erbärmliche Frau“ oder eine „unwissende Frau“.
Seit die Corona-Pandemie unser Leben prägt und viele Menschen belastet, wird auch der Ton der Mails und Nachrichten, die man als Medienmensch erhält, rauer. Wer seine Meinung klar äußert, muss natürlich mit anderen Meinungen umgehen können und auch unschöne Kritik nehmen, ohne persönlich beleidigt zu reagieren. Dass wir Journalistinnen und Journalisten heute nicht mehr von oben herab unsere Botschaften verkünden können, ohne dass unser Publikum auch seine Ansichten dazu äußern kann, ist ja grundsätzlich erfreulich und bereichert den Diskurs. Falls beide Seiten mit diesem Austausch vernünftig umgehen und einen gewissen Grundrespekt für einander aufbringen können.
Angst, Trotz, Aggression
Andere Meinungen auszuhalten, bei denen man nur mehr den Kopf schütteln möchte, das ist manchmal schwer zu ertragen. Wenn wir Medienschaffende vor dem Hintergrund des aktuellen Stands der internationalen wissenschaftlichen Forschung über die lebensrettende Möglichkeit der Corona-Impfung berichten, ist das für einen Teil des Publikums schon eine Zumutung. Es gibt nach wie vor teilweise zu wenig Aufklärung und Information über die Impfung, was zu Ängsten führt. Aber auch Trotz und Aggression gehören zum Gefühls-Repertoire der Impf-Gegnerinnen und Gegner – all das müssen Medienleute aushalten. Und aufpassen, dass wir anderen Menschen nicht zu missionarisch begegnen, sachlich und kühl bleiben. Das ist schwierig und manchmal gelingt es uns nicht so wie gewünscht. Doch mit Besserwisserei kann man niemanden überzeugen. Und kein Virus besiegen.
Mitmenschlichkeit auch jenen gegenüber zu bewahren, die einem gerade auf die Nerven gehen, ist die wichtigste, aber auch die schwierigste Übung. Und es gibt leider einen Teil der Bevölkerung, der auf die Erkenntnisse der Wissenschaft nicht mehr vertraut, genauso wenig wie auf die Recherche von Medien – man kann diese Leute derzeit nicht mehr gut erreichen. Doch für uns andere gilt: Man sollte eine Person mit anderer Meinung respektvoll ansprechen oder ihr, ihm höflich antworten, solange es möglich ist. Jeder Dialog über Auffassungsunterschiede hinweg ist ein guter Dialog.
Denn wenn der Austausch nicht mehr gelingt, gewinnt niemand. Jeder mit sich selbst im Monolog, jede in ihrer eigenen Welt: Das sind keine Fundamente für eine Gemeinschaft, die in Zukunft noch viel mehr zu bewältigen haben wird.
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