„Arme“ und „Reiche“

Politik / 27.09.2021 • 22:56 Uhr

Ende der Covid-Pandemie in Sicht? Kommt darauf an, auf welchen Erdenwinkel man/frau blickt. Da gibt es kleine Flecken mit schönen Aussichten in Form von rückläufigen Zahlen von Infizierten und Toten. In anderen Gegenden mit mehr als nur gelegentlich militanten Impfgegnern und lautstarken Verbreitern von Verschwörungstheorien sieht es weniger rosig aus. Und wie UNO-Generalsekretär Antonio Guterres auf der 76. Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York erklärte, stehen die meisten Länder der Welt am Rande einer unbeschreibbaren Katastrophe.

Wie etliche Regierungsvertreter aus 193 Mitgliedsstaaten beklagten, ist die Ursache wieder einmal die Kluft zwischen Arm und Reich. Denn tatsächlich liegt die Impfquote in den „reichen Staaten“ bei 50 bis 80 Prozent, und das bewahrt die jeweiligen Gesellschaften weitgehend vor Tod und Verderben. In mehr als der Hälfte aller Länder der Welt sind UNO-Angaben zufolge aber höchstens zehn Prozent der Bewohner geimpft. In mehr als zwei Dutzend Staaten sogar weniger als ein Prozent. Wenn weniger als die Hälfte aller Bewohner eines Landes geimpft und weitestgehend geschützt sind, wissen die Experten, hat das Virus ziemlich freie Bahn.

Und warum wird bei den „Armen“ so wenig geimpft? „Weil wir arm sind und uns die Impfstoffe nicht leisten können“, klagten Regierungsvertreter. Andere sagten: „Weil uns die reichen Länder nicht genügend Impfstoff liefern.“ Und: „Wir haben für Impfkampagnen keine ausreichende Infrastruktur, und die reichen Länder helfen uns nicht bei ihrem Aufbau.“

Dabei wissen alle Beteiligten, dass das Heer der Ungeimpften eine tickende Zeitbombe ist. Auch die Menschen in den reichen Staaten bleiben infektions-gefährdet, wenn so viele „Arme“ ungeimpft bleiben wie bisher und sie gelegentlich mit den „Reichen“ in Kontakt kommen. Um Licht am Ende des dunklen Pandemie-Tunnels zu sehen, forderte der UNO-Generalsekretär, müsse bis zur Mitte nächsten Jahres rund 70 Prozent der Erdbevölkerung geimpft sein.

Das wären etwa zwei Milliarden zu impfende Menschen, und es würde viele Milliarden kosten. Haben sich die Delegierten des „Weltparlaments“ auf diesen finanziellen Kraftakt zur Lebensrettung vieler geeinigt? Sie sind ohne Beschluss nach Hause gegangen. Und nicht nur sie müssen sich die Frage stellen: Was ist ein Menschenleben wert?

„In mehr als der Hälfte aller Länder der Welt sind UNO-Angaben zufolge aber höchstens zehn Prozent der Bewohner geimpft.“

Peter W. Schroeder

berichtet aus Washington, redaktion@vn.at