Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Angela Merkel: ihre Stärke & Schwäche

Politik / 27.09.2021 • 14:00 Uhr

Angie has just left the building, Angela Merkel hat gerade die politische Bühne verlassen. Nach 16 Jahren Kanzlerinnenschaft ist es noch schwer vorstellbar, wie ein Deutschland ohne Merkel aussehen wird. Unzählige Dokumentationen, Essays und Porträts erschienen in den vergangenen Wochen über jene CDU-Politikerin, die lange eine der mächtigsten Frauen der Welt war, jede Facette ihrer Persönlichkeit wird ausgeleuchtet. Am Ende könnte man ihr politisches Wirken wohl auch mit einem Blick auf ihre in strategischer Hinsicht größte Stärke und ihre größte Schwäche beschreiben.

Viele im Politikbetrieb durchleben das übliche politmediale Prozedere: Man wird zuerst hinauf- und dann hinuntergeschrieben, einige halten das nicht allzu lange aus. Angela Merkels größte charakterliche Stärke ist allerdings das Aushalten, das Ertragen von Kritik, von Animositäten auch innerhalb der eigenen Parteienfamilie CDU/CSU oder von Gehässigkeiten, die Frauen in exponierten Positionen besonders häufig entgegenschlagen. Merkel lebt damit vor, was die italienische Kirchenlehrerin Katharina von Siena einst postuliert hat: „Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.“ Merkel hat das 2016 einmal so formuliert: „Wenn ich immer gleich eingeschnappt wäre, könnte ich keine drei Tage Bundeskanzlerin sein.“ So wenig Wehleidigkeit würde man manchen Politikmenschen wünschen.

Nachfolge vergeigt

Merkels größte strategische Schwäche sollte man dennoch nicht ausblenden. Die kühle Machtpolitikerin hat zwar einen männlichen Rivalen nach dem anderen ausgespielt, doch sich offenbar viel zu wenig um den Aufbau einer adäquaten Nachfolge für sich bemüht – und das ist eine wesentliche Aufgabe jeder guten Führungskraft: Andere fördern, die genauso fähig sind wie man selbst, damit sie übernehmen, wenn es erforderlich ist. Diese Verpflichtung hat Merkel vernachlässigt und sich dann bei der Nachfolgesuche zu große Zurückhaltung auferlegt, auch wenn man wusste, dass sie zuerst Annegret Kramp-Karrenbauer und nach deren Scheitern Armin Laschet präferierte. Die Kanzlerin hat sich nicht mit Vehemenz für den neuen CDU-Chef Armin Laschet eingesetzt. Als würde sie das alles nach ihr nichts mehr angehen, auch nicht das Wahldebakel der CDU.

Die Kanzlerin hat sich nicht mit Vehemenz für Laschet eingesetzt. Als würde sie das alles nach ihr nichts mehr angehen.

Das ist bedauerlich bei einer Politikerin, die zu den großen Persönlichkeiten der politischen Zeitgeschichte gehört. Die auch mit Sätzen wie diesem aus dem vergangenen März in Erinnerung bleiben wird, als Bund und Länder einen Lockdown verhängten, die deutsche Bundesregierung daraufhin aber die Verordnung stoppte: „Dafür bitte ich alle Bürgerinnen und Bürger um Verzeihung.“ Solche Entschuldigungen hört man in der Politik selten bis nie.