Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Cliffhanger in Deutschland

Politik / 26.09.2021 • 23:45 Uhr

Am Ende von TV-Serien bleibt das Ende gerne offen. Das erhöht die Chancen, dass Zuseher bei der nächsten Staffel wieder einschalten. In der Politik sind offene Ergebnisse eine eher unbefriedigende Angelegenheit. Denn es sorgt nicht für jene klaren Verhältnisse, die Bürger in unsicheren Zeiten wünschen.

Obwohl beide Kandidaten am Abend der deutschen Bundestagswahl für sich einen klaren Auftrag sahen, lassen die Zahlen eine gegenteilige Deutung zu. Selbst mit der hohen Wahlbeteiligung von 77 Prozent wird am Ende nicht einmal jeder Fünfte den Kanzler gewählt haben. Egal ob er Olaf Scholz oder Armin Laschet heißt. Egal ob er einer Jamaika-Koalition oder einer Ampel-Regierung vorsteht.

Interessant, dass beide Anwärter auf Merkels Erbe nun plötzlich die Mitte, den Ausgleich und die Augenhöhe entdecken. Das ist nichts anderes als unverhohlenes Werben um die beiden Bräute FDP und Grüne. Es ist eine heikle Balance zwischen magerer Wählerstimmenausstattung und Führungsanspruch in einer breiten Dreierkoalition. Zumindest stoßen die Brautwerber auf offene Türen, wobei die Grünen eher zur SPD neigen, die FDP eher zur CDU/CSU. Der Cordon Sanitaire gegen die AfD und die Linken wird halten, deren Verluste schließen sie auch weiter aus Koalitionsspekulationen aus.

Das Momentum spricht eher für Scholz. Er hat Stimmen gewonnen, bedient die Wechselstimmung, und Umfragen sehen ihn an der Spitze der beliebteren Koalition. Die Union hingegen fuhr mit Laschet ihr historisch schlechtestes Ergebnis ein. Die Grünen können übrigens ihr bestes Ergebnis aller Zeiten feiern, trotz der Enttäuschung über das verpasste Kanzleramt. Dass ohne sie keine Regierung gebildet werden kann, mag sie trösten. Denn die dritte rechnerisch mögliche Kombination zwischen SPD und CDU ist unwahrscheinlich. Die in Österreich früher beliebte Große Koalition galt in Deutschland immer als Notlösung.

Der deutsche Wahlkrimi geht also in die Verlängerung. Es ist zu hoffen, dass am Ende nicht ein kraftloser Kanzler übrig bleibt, der Deutschland und die gesamte EU schwächt. Was hinter dem Kampf der Alphamänner Scholz, Laschet und auch Markus Söder etwas aus dem Blick geriet, waren beachtliche Ergebnisse von Frauen. In Berlin lieferten sich Franziska Giffey (SPD) und Bettina Jarasch (Grüne) ein enges Rennen. In Mecklenburg-Vorpommern feierte SPD-Spitzenkandidatin und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig einen klaren Sieg.