Warnung vor Impfpflicht

Impfquote: Verhaltensökonom sieht noch viel Potenzial durch Aufklärungsarbeit.
SCHWARZACH Verhaltensökonom Florian Spitzer ist nicht überrascht, dass sich bislang weniger als zwei Drittel der Österreicher für eine Coronaimpfung entschieden haben. Während in Portugal 87 Prozent der Bevölkerung zumindest einmal geimpft sind, sind es hierzulande erst 63. „Es ist frustrierend“, erklärt der Mitarbeiter des Instituts für Höhere Studien (IHS), „im Dezember des vergangenen Jahres haben wir darauf hingewiesen, dass sehr viele Menschen skeptisch sein könnten. Zunächst ist jedoch zu wenig darauf geachtet worden. Es wäre notwendig gewesen, frühzeitig zu untersuchen, was die Leute zögern lässt.“
Kosten-Nutzen-Abwägung
Die Gründe sind unterschiedlich. Der Experte geht davon aus, dass alle bewusst oder unbewusst Kosten und Nutzen einer Impfung abwägen. Auf der einen Seite stehen zum Beispiel unerwünschte Nebenwirkungen, auf der anderen befindet sich die Schutzfunktion gegen Corona. Ein Problem dabei sei, dass Risiken einer Impfung überschätzt, die Risiken einer Erkrankung allerdings unterschätzt werden. Viele würden jemanden kennen, der trotz Infektion nicht schwer erkrankt ist. Geschichten über Nebenwirkungen einer Impfung seien dagegen sehr präsent, Ängste ebenso verbreitet, wie Spitzer erläutert. Das ist belegt: Die Uni Wien hat bei einer Umfrage festgestellt, dass sich jeder Dritte Sorgen darüber macht.
Aufklärung zentral
Vor diesem Hintergrund ist der Verhaltensökonom überzeugt, dass auch ohne weitere Druckausübung noch sehr viele Menschen für eine Impfung gewonnen werden könnten: „Man müsste mehr Aufklärung betreiben, erklären, warum der Impfstoff so schnell zugelassen wurde, Risiken gegenüberstellen.“ Es sei möglich, das sowohl wissenschaftlich als auch verständlich zu machen. Wenn man etwa erkläre, eine konkrete Wahrscheinlichkeit sei klein, komme das bei vielen nicht an. Wenn man jedoch sage, man werde eher vom Blitz getroffen, sei das verständlicher.

Bei weiteren Schritten, von Benachteiligungen oder auch Belohnungen bis hin zu einer Impfpflicht, wäre Spitzer zurückhaltend. „Grundsätzlich sollte man nach dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit vorgehen und Maßnahmen nur nach Bedarf nachschärfen.“
„Die Menschen empfinden den medizinischen als sehr persönlichen Bereich, bei dem der Staat nichts mitzureden hat.“
Florian Spitzer
Im Übrigen habe alles zwei Seiten: „Wenn man mit finanziellen Anreizen kommt, müssen sie substanziell sein. 100 Euro oder mehr. Man hat dann aber ein Problem, falls wieder einmal eine große Impfkampagne notwendig werden sollte. Dann warten die Leute vielleicht, bis wieder Geld bezahlt wird.“ Das ließe sich unter Umständen nur umgehen, wenn man auch bereits Geimpfte belohnt. Das würde noch höhere Kosten verursachen.
Gefahr von Vertrauensverlust
Auch bei einer Impfpflicht gebe es allerhand zu beachten: „Die Menschen empfinden den medizinischen als sehr persönlichen Bereich, bei dem der Staat nichts mitzureden hat. Wenn man sich darüber hinwegsetzt, könnte das zu Spannungen und einem massiven Vertrauensverlust führen.“ Außerdem stelle sich die Frage, wie man eine Verpflichtung durchsetzen würde. Auch nur ein paar Prozent der Bevölkerung würden auf ein paar hunderttausend Menschen hinauslaufen.