Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

(Selbst-)Vermarktung: Sprache und Politik

Politik / 31.08.2021 • 07:29 Uhr

Heinz-Christian Strache versteht die Welt nicht mehr. Der ehemalige FPÖ-Chef und Vizekanzler wird vergangene Woche in erster Instanz zu 15 Monaten bedingter Haft wegen Bestechlichkeit verurteilt, das Urteil ist nicht rechtskräftig. In dem Verfahren war es um einen vermuteten Gesetzeskauf im Zusammenhang mit der Privatklinik Währing in Wien gegangen. Und das Urteil geht am Freitag über die Newsticker und die Social-Media-Plattformen hinaus in die Welt, Straches selbst kreierter Markenname „HC“ wird dabei auch von professionellen Medienleuten gerne verwendet: Klingt ja auch gleich viel schnittiger als das biedere Heinz-Christian.

Mehr Achtsamkeit in der Sprache ist gerade heute, in politisch und gesellschaftlich bewegten Zeiten, wichtig.

Leider ein typisches Beispiel dafür, wie gedankenlos Öffentlichkeit und Journalismus manchmal die Sprache von Politikmenschen übernehmen, einfach so. Heinz-Christian Strache hat sich mit seinem „HC“ geschickt als politische Marke entworfen und diese intensiv in seiner PR eingesetzt. Ob als Comic-Held „HC-Man“ oder mit seinem „HC Strache Rap“ („featuring Leopold Figl: Patrioten zur Wahl!“), der Markenname war immer dabei. Politikerinnen und Politiker können sich natürlich ihre Marken schaffen und pflegen, wir Journalistinnen und Journalisten sollten allerdings nicht als Markenbotschafter und PR-Arbeiterinnen für sie agieren. Das ist nicht unser Job.

Kürz mich ab!

 Von „AKK“ (Annegret Kramp-Karrenbauer), „CK“ (Christian Kern) bis hin zu „VdB“ (Alexander Van der Bellen) oder AOC (Alexandria Ocasio-Cortez): Die Idee, seine eigene Marke auch über eine eingängige Kurzform unters Volk zu bringen, ist international. Sprache schafft Bewusstsein und bestimmt die Realität mit, sie kann in diesen Fällen auch mithelfen, ein politisches Image aufzupolieren. Also sollten sich Medien nicht leichtfertig als Sprachvermittler einspannen lassen, nur weil manche Markennamen in einer Titelzeile vielleicht flotter oder griffiger rüberkommen als die Marke, die sie repräsentieren. Kürz mich ab!

Mehr Achtsamkeit in der Sprache ist gerade heute, in politisch und gesellschaftlich bewegten Zeiten, wichtig. Vor allem, wenn es um jene Menschen geht, die besonders an den wirtschaftlichen und psychologischen Folgen der Pandemie leiden. Leute mit kleinen Einkommen sind nicht „sozial schwach“, wie so oft gesagt oder geschrieben, sie verfügen nur über weniger Geld als andere. Jemanden deswegen sprachlich Schwäche zu unterstellen, ist unlauter und unsensibel. Außerdem wird es der Realität vieler überhaupt nicht gerecht. Job, Familie, Leben unter schwierigen Rahmenbedingungen zu bewältigen – dazu gehört wohl mehr Stärke und Disziplin als sich manche mit dickerer Brieftasche vorstellen können.