“Ein besonderes Land”: Langjähriger UN-Vertreter aus Vorarlberg erzählt über Afghanistan

Für die Vereinten Nationen war der Vorarlberger Rudolf Müller mehrmals vor Ort.
THÜRINGERBERG Ein Land, das sich verändert. So beschreibt Rudolf Müller Afghanistan. Der 64-Jährige war einige Male für die Vereinten Nationen dort. Seine erste Reise führte ihn 1998 in den Norden; in ein Gebiet, das nicht unter der Kontrolle der Taliban stand. Auch im Jahr 2001, als die US-geführte Intervention die Herrschaft der Islamisten beendete, war Müller vor Ort. Mehrmals kehrte er zurück. Die blitzartige Rückkehr der militanten Islamisten an die Macht beobachtete der frühere UN-Vertreter von Österreich aus. Die Entwicklung sei auch für ihn überraschend gewesen, erzählt er. „Es hat aber Anzeichen gegeben.“
„OCHA“ lautet die Abkürzung des Amts der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, jener UN-Einrichtung, für die der aus Thüringerberg stammende Müller jahrelang im Einsatz war. Vorübergehend leitete er das Genfer Büro und war damit ranghöchster österreichischer OCHA-Mitarbeiter. Hilfseinsätze führten ihn nicht nur nach Afghanistan, sondern unter anderem auch nach Pakistan, Indien, Indonesien, den Irak, Ruanda, Südsudan oder Haiti. Im Oktober 2020 hat Müller seine Pension angetreten.
Die Situation in Afghanistan verfolgt er immer noch genau. „Es ist ein besonderes Land“, erzählt der 64-Jährige. Noch gut kann er sich an die Zeit Ende der 90er-Jahre erinnern, an den Zustand der Häuser, der Straßen und die Stromversorgung. Insbesondere in den großen Städten sei die Lage heute eine andere. Als Beispiel nennt der frühere UN-Repräsentant Faizabad in der Provinz Badachstan. 1998 verfügten dort nur wenige Häuser über Strom, der Flugplatz bestand aus Gras- und Sandpisten. „Das hat sich verändert. Es wurde alles ausgebaut, teilweise durch die ausländischen Kräfte, die in Abstimmung mit den internationalen Organisationen viele Projekte umgesetzt haben.“
Junge Gesellschaft
Aber nicht nur die Infrastruktur habe sich gewandelt. Über 60 Prozent der Afghaninnen und Afghanen sind unter 25 Jahre alt. „Die junge Generation hat die Taliban nicht bewusst, manche sogar gar nicht erlebt. In den urbanen Teilen des Landes ging es in Richtung Aufgeschlossenheit und Moderne“, sagt Müller. Mädchen und Frauen konnten Schulen besuchen und eine Arbeit aufnehmen. „Darin lag ein großes Potenzial für Veränderung.“
Spätestens seit Sommer 2021 sind mit der Machtübernahme der Taliban die Karten neu gemischt. Der frühere UN-Repräsentant berichtet indes von einer Entwicklung, die sich nicht in Monaten, sondern Jahren vollzogen hat. Den Taliban sei es gelungen, ihren Einfluss auszubauen. Dazu kam weitverbreitete Korruption in der afghanischen Regierung. „Das hat den Prozess beschleunigt und die Sicherheitskräfte zusätzlich stark destabilisiert. Viele in der Armee sind übergelaufen, haben einfach aufgegeben“, erzählt Müller. Außerdem dürfe nicht vergessen werden, dass die Taliban in konservativen Teilen der Gesellschaft noch immer große Unterstützung genießen.

Haben sich auch die Islamisten verändert? Viele Beobachter bezweifeln das. Auch Müller hält eine Einschätzung für schwierig. „Es handelt sich teilweise zwar um sehr junge Kämpfer, doch die Führer sind immer noch die alten von früher. Sie haben sich ideologisch nicht verändert.“ Sicherlich müssten sich die neuen alten Machthaber an veränderte Gegebenheiten anpassen. „Doch ein Schwenk in Richtung einer modernen Gesellschaft wird in absehbarer Zeit nicht stattfinden.“
In welche Richtung sich Afghanistan in den nächsten Jahren entwickeln wird, bleibt also offen. Abgesehen vom nördlichen Panjshirtal gibt es keinen nennenswerten Widerstand gegen die Taliban. Und die Gruppe dort sei wohl zu klein, um echten Einfluss auszuüben, vermutet der langjährige UN-Mitarbeiter. „Über diese Frage habe ich auch mit einem afghanischen Kollegen gesprochen. Seiner Einschätzung nach braucht es Zeit, bevor sich eine Bewegung entwickeln könnte. Zudem hängt es davon ab, ob die Taliban in das alte System der Repressalien zurückfallen.“ Eines sei klar: „Es gibt nun eine Generation, die das nicht akzeptieren wird.“