Nationales Emirat versus imperiales Kalifat

Beide Gruppen haben unterschiedliche Ziele für das Land.
Kabul Endlich Frieden und Sicherheit nach Jahrzehnten des Krieges – das ist das Argument, mit dem die Taliban bisher in Afghanistan für sich selbst geworben haben. Nach dem von der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) für sich reklamierten Anschlag am Flughafen von Kabul verkündete Taliban-Sprecher Bilal Karimi, der mit den Taliban verfeindete örtliche Ableger des IS werde „besiegt“ werden. Ihre eigene indirekte Verantwortung durch das Freilassen inhaftierter Islamisten in den vergangenen Monaten lassen die Taliban dabei allerdings unter den Tisch fallen. Während die Taliban selbst lange auch auf Selbstmordanschläge setzten, werden sie nun zu einem Problem.
Beide Organisationen sind militant, sunnitisch und für ihre Grausamkeit bekannt. Die Angriffe vom Donnerstag mit Dutzenden Opfern waren eine Blamage für Afghanistans neue Machthaber, die offenbar nicht für Sicherheit in der Hauptstadt sorgen können. Aber die Feindschaft der beiden islamistischen Gruppierungen besteht schon viel länger.
Zwischen beiden Organisationen gebe es gravierende ideologische Unterschiede, betont der Islam- und Politikwissenschaftler Rami Ali von der Humboldt-Universität Berlin gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. So seien die Taliban etwa ausschließlich auf Afghanistan fokussiert. Ganz anders der salafistische IS. „Für diesen ist Nationalismus eine Art Abfall vom Glauben“, so Ali. Die Terrormiliz strebe schließlich die Gründung eines grenzüberschreitenden Kalifats an. Der IS lehnt demnach die Taliban und deren auch von der paschtunischen Volksgruppe geprägten Traditionen als unislamisch ab.
Beide Organisationen konkurrierten in Afghanistan zudem um Macht, Einfluss und religiöse Deutungshoheit, sagte Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter im ZDF-„Morgenmagazin“. Im Vergleich zu den Taliban sei der IS „durch eine viel größere Gewalttätigkeit“ gekennzeichnet, so die Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam. Ziel des IS sei die islamische Weltherrschaft.
Der IS tauchte in Afghanistan Anfang 2015 auf. Er will dort und auf pakistanischem Gebiet eine „Provinz“ namens IS-Khorasan etablieren und verübt vor allem auf schiitische Ziele Anschläge. Einige Beobachter gehen davon aus, dass auch etliche Taliban-Kämpfer, die die Friedensgespräche mit den USA ablehnten, zu der noch extremeren Gruppe übergelaufen sind.