Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

„Solange es noch geht“

Politik / 26.08.2021 • 06:30 Uhr

Am Ende waren alle erstaunt, wie schnell es ging. Und hätten es doch besser wissen müssen. Schon mit der Ankündigung Donald Trumps, die US-amerikanischen Truppen im Mai aus Afghanistan abzuziehen, war vorauszusehen, was folgen würde. Nach den chaotischen afghanischen Wahlen 2018 war erst ein Jahr später unter gegenseitigen Wahlbetrugsvorwürfen eine „Koalitionsregierung“ der beiden korrupten Hauptkontrahenten zustande gekommen, die sich am Ende mit Koffern voller Geld aus dem Staub machten.

„Noch immer würde jeder zweite Österreicher eine der zwei rechtspopulistischen Parteien wählen, die diese Stimmung im Lande bestimmen.“

Als klar war, dass die amerikanischen Militärs nicht mehr eingreifen werden, brach der Widerstand der afghanischen Armee gegen die Taliban wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Und während Österreichs Türsteher Karl Nehammer davon redete, Afghanen abzuschieben „so lange es noch geht“, begannen andere – schon viel zu spät – sich Gedanken darüber zu machen, wie Menschen aus dem Lande geholt werden könnten, solange das noch geht. „Eigenes“ Personal, aber auch jene vielen Afghanen, die nun als Helfer ausländischer Truppen als erste und massiv bedroht sind. Inzwischen träumt Nehammer öffentlich davon, mit den Taliban über Abschiebungen zu verhandeln und mal zu schauen, „was möglich ist“. In Österreich wundert man sich schon lange nicht mehr, „was alles möglich ist“. Aber jetzt gibt es offenbar keine Grenzen mehr. Des Wahnwitzes.

Nehammer zeigt sich hingegen „schockiert“ darüber, dass EU-Innenkommissarin Ylva Johansson nun endlich Fluchtwege öffnen will, für Menschen in Afghanistan, die besonders gefährdet sind, zum Beispiel Menschenrechtsaktivisten und nicht zuletzt: Frauen.

Schockierend ist indes nur, wie viele Menschen in Österreich offenbar überhaupt nicht schockiert sind, angesichts der Zyniker, die in Wien regieren. Zyniker, denen Menschenrechte, Frauenrechte und Demokratie im Grunde nichts, genau gesagt: rein gar nichts wert sind. Noch immer würde jeder zweite Österreicher eine der zwei rechtspopulistischen Parteien wählen, die diese Stimmung im Lande bestimmen. In Deutschland kommen die Rechtspopulisten (egal ob blau oder türkis oder sonstiger couleur) gemeinsam unter dem Namen „AFD“ in den Umfragen inzwischen stabil auf elf Prozent. Auch das schockiert mich schon.

Hanno Loewy ist Direktor des ­Jüdischen Museums in Hohenems.