Dilemma um Abzug

Chancen für sichere Ausreise sinken für Tausende Afghanen.
kabul Weniger als eine Woche vor dem Ende der militärisch gesicherten Evakuierungen aus Afghanistan sinken für Tausende Menschen die Chancen auf eine sichere Ausreise. Trotz Bitten europäischer Verbündeter um eine Verlängerung des Einsatzes halten die USA am Truppenabzug bis kommenden Dienstag fest. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Entscheidung über den Zeitpunkt als schwieriges Dilemma.
76 österreichische Staatsbürger mit afghanischen Wurzeln beziehungsweise Menschen mit Aufenthaltsberechtigung sind bisher aus Afghanistan nach Österreich gebracht worden, wie Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) am Mittwoch mitteilte. Mehrere Dutzend warten laut Außenamt noch auf eine Ausreise.
USA machen Tempo
Wie das Weiße Haus mitteilte, hat das US-Militär innerhalb von 24 Stunden mehr als 11.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Im gleichen Zeitraum hätten 48 Maschinen internationaler Partner rund 7800 Menschen evakuiert. Seit dem Start der Evakuierungsmission Mitte August brachten die USA demnach rund 82.300 Menschen aus dem Land oder ermöglichten deren Ausreise. Die deutsche Bundeswehr flog bis zum Mittwochnachmittag um die 5000 Menschen aus. Rund um den Flughafen Kabul harren weiter Tausende in der Hoffnung auf einen Evakuierungsflug aus. Vor allem frühere Regierungsbeamte, Mitglieder der Sicherheitskräfte, Menschenrechtler oder Ortskräfte und Mitarbeiter ausländischer Streitkräfte und Organisationen haben Angst vor Racheaktionen der Taliban.
Die Islamisten hatten in den vergangenen Wochen nach dem Abzug der ausländischen Truppen in rasantem Tempo praktisch alle Provinzhauptstädte des Landes eingenommen – viele kampflos. Auch in Kabul rückten sie Mitte August ein. Der blitzartige Vormarsch überraschte viele Beobachter und Regierungen. Die deutsche Kanzlerin sprach sich für Verhandlungen mit den Taliban aus. Es dürfe aber “keine unkonditionierten Vereinbarungen” geben, sagte Merkel in einer Regierungserklärung im Bundestag. Sie räumte erneut ein, dass die Bundesregierung die jüngsten Entwicklungen falsch eingeschätzt habe. Für den schnelle Zusammenbruch in Afghanistan machte Merkel die Sicherheitskräfte des Landes und die politische Führung verantwortlich. 26 westliche Staaten versuchen, ihre Staatsbürger und schutzsuchende Afghanen auszufliegen. Dafür bleiben nur noch wenige Tage. “Die Entwicklungen der letzten Tage sind furchtbar, sie sind bitter”, sagte Merkel. “Für viele Menschen in Afghanistan sind sie eine einzige Tragödie.”
Die Taliban sagten derweil in den Verhandlungen mit der deutschen Bundesregierung derweil zu, dass Afghanen auch nach dem für den 31. August geplanten US-Truppenabzug das Land verlassen dürfen. Das twitterte der deutsche Verhandlungsführer Markus Potzel nach Gesprächen mit dem Vizechef des politischen Büros der Taliban in Katar, Shir Mohammed Abbas Staneksai. Dieser habe ihm versichert, dass Afghanen mit gültigen Ausweisdokumenten nach dem 31. August die Möglichkeit hätten, mit kommerziellen Flügen auszureisen.