Zwischen Ignoranz und Verweigerung
Wir haben alles und sie haben nichts. Nur zehn Länder haben bisher 75 Prozent des gesamten Impfstoffs gegen Corona bei sich verabreicht, doch nicht so finanzkräftige Nationen konnten erst knapp zwei Prozent ihrer Bevölkerung impfen, erklärt WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus vergangene Woche. „Die Ungerechtigkeit bei der Impfung ist eine Schande für die gesamte Menschheit und wenn wir nicht gemeinsam dagegen vorgehen, werden wir die akute Phase dieser Pandemie um Jahre verlängern, obwohl sie in wenigen Monaten vorbei sein könnte“, sagt der WHO-Chef. Tatsachen, die man im Westen elegant ausblendet.
In der westlichen Welt jammern doppelt mit AstraZeneca Geimpfte und wollen ihren Booster, aber bitte flott!
In der westlichen Welt jammern doppelt mit AstraZeneca Geimpfte und wollen ihren Booster, aber bitte flott! Ironischerweise auch gerne jene, die sehr früh mit der Impfung dran waren und bei denen man auch nicht so genau weiß, ob der Impfstoff aus nachvollziehbaren Gründen oder irgendwie im Arm gelandet ist. Länder wie die USA planen schon, ihre Bevölkerung ab September mit Auffrischungsimpfungen zu versorgen, um besser gegen das Delta-Virus geschützt zu sein. Ein Vorhaben, dass die WHO aus Verteilungsgründen derzeit ablehnt.
Zerrissene Welt
Die Ambivalenz durch Corona ist nur schwer auszuhalten. Hier diejenigen, die alles haben und noch mehr einfordern, dort jene, die auf den lebensrettenden Impfstoff warten müssen. Und dann gibt es hier noch jene, die alles haben könnten, aber es ablehnen – aus Angst oder ideologischen Gründen.
Dabei ist die Faktenlage klar. Das renommierte deutsche Robert Koch-Institut weist jetzt nach, dass die Corona-Impfungen bisher gut vor schweren Erkrankungen schützen und das Infektionsrisiko noch immer spürbar reduzieren. Dieser Statistik zufolge ist seit Anfang Februar erst eine einzige voll immunisierte Person im Alter von unter 60 Jahren nach einem sogenannten wahrscheinlichen Impfdurchbruch an den Folgen einer Corona-Erkrankung gestorben. Insgesamt verzeichnet das RKI 335 Todesfälle nach wahrscheinlichen Impfdurchbrüchen. Dies entspricht 1,5 Prozent aller Menschen in Deutschland, die seit Anfang Februar an und mit dem Virus verstorben sind. Und auch sehr anschaulich: Nur sechs Prozent der Intensivpatienten sind geimpft.
Wer Zahlen und seriösen Fachleuten nicht trauen will, sollte sich das vor Augen führen: Man steigt jeden Tag ins Auto, in die U-Bahn oder auch ins Flugzeug ein und vertraut der Wissenschaft. Man nimmt Medikamente gegen Bluthochdruck oder legt sich auf den OP-Tisch und vertraut der Wissenschaft. Man isst Tiefkühlprodukte aus dem Supermarkt und vertraut der Wissenschaft. Aber bei einer Impfung, die das eigene Leben und das anderer retten kann – da vertraut man der Wissenschaft nicht?
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