Noch immer Chaos rund um Airport

Journalistin in Kabul spricht von „Tornado des Wahnsinns“. Zustände nach Abzug für US-Präsident unvermeidbar.
kabul Um den Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul herrscht weiter Chaos. Einheimische Helfer von deutschen Organisationen berichteten am Donnerstag von verstopften und teils unpassierbaren Straßen. US-Soldaten ließen sie bei den Eingängen nicht vor, berichteten zwei Ortskräfte der Deutschen Presse-Agentur. Die CNN-Journalistin Clarissa Ward, die als eine von wenigen ausländischen Journalisten noch vor Ort ist, sprach von einem „Tornado des Wahnsinns“. Ihr zufolge warfen Menschen Babys über den Zaun, um sie in Sicherheit zu bringen. Die Taliban seien mit Peitschen und Waffen unterwegs, um die Menschen zurückzuhalten.
Krisenteam in Taschkent
Ein Krisenteam, dass die noch in Afghanistan befindlichen Österreicher bei der Ausreise unterstützen soll, hat mittlerweile Taschkent erreicht, die Hauptstadt des Nachbarlandes Usbekistan. Wie eine Außenamtssprecherin mitteilte, soll das Team mit einer Maschine der deutschen Bundeswehr so schnell wie möglich nach Kabul reisen. 50 Österreicher mit afghanischen Wurzeln hätten sich bisher beim Außenministerium in Wien oder der zuständigen Botschaft in Islamabad mit einem Ausreisewunsch gemeldet.
US-Präsident Joe Biden betonte, das Chaos beim Abzug der amerikanischen Truppen sei unvermeidbar gewesen – wegen des Zusammenbruchs der afghanischen Regierung, des Militärs und der schnellen Machtübernahme der Taliban. Im Fernsehsender ABC versicherte Biden, die US-Soldaten am Flughafen könnten notfalls auch über den geplanten Abzugstermin am
31. August hinaus bleiben. Zwar würden die Islamisten „kooperieren“ und US-Bürger und Botschaftsmitarbeiter ausreisen lassen. Mit Blick auf die Evakuierung der früheren afghanischen Mitarbeiter der US-Behörden und Streitkräfte gebe es jedoch „ein bisschen mehr Schwierigkeiten“, sagte der US-Präsident.
In dem Land selbst demonstrierten trotz des Siegeszugs der Taliban offenbar Menschen mit der Nationalflagge. In sozialen Medien kursierten Videos, wie etwa in der Hauptstadt Kabul geschätzt 100 Menschen durch eine Straße ziehen und die rot-schwarz-grüne Flagge hochhalten. Sie riefen „Lang lebe Afghanistan“ und „Unsere Flagge, unser Stolz“. Zuverlässig überprüfen ließen sich die Aufnahmen zunächst nicht. Die Nationalflagge entwickelt sich seit der Machtübernahme der Taliban zunehmend zu einem Protestzeichen gegen die Islamisten, die eine eigene Fahne haben.
Nach ihrem Eroberungszug haben die Taliban am Sonntag die Macht im Land übernommen. Viele Afghanen befürchten eine Rückkehr der Schreckensherrschaft der Islamisten der 1990er-Jahre, während der etwa Frauen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen waren und die Vorstellungen der Islamisten mit barbarischen Strafen durchgesetzt wurden.
International ist die Sorge groß. Der Außenbeauftragte der Europäischen Union, Josep Borrell, sprach von einer „Katastrophe für die Werte und die Glaubwürdigkeit des Westens“. Den Vereinten Nationen zufolge fehlen mindestens 700 Millionen Euro an Spenden zur Unterstützung der Menschen in Afghanistan.