Rasanter Siegeszug der Taliban

Politik / 13.08.2021 • 22:33 Uhr
Taliban-Kämpfer brachten auch die drittgrößte Stadt Herat unter Kontrolle.

Taliban-Kämpfer brachten auch die drittgrößte Stadt Herat unter Kontrolle.

UN warnen vor humanitärer Katastrophe in Afghanistan. Staaten bereiten Evakuierung von Diplomaten vor.

kabul Die militant-islamistischen Taliban haben in Afghanistan ihre Gebietsgewinne in rasantem Tempo fortgesetzt und binnen einer Woche mehr als die Hälfte aller Provinzhauptstädte eingenommen. Am Freitag waren nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur 18 der 34 Provinzhauptstädte unter Kontrolle der Islamisten. Nach der zweitgrößten Stadt Kandahar in der Nacht und der wichtigen Stadt Laschkargah am Morgen eroberten die Taliban mit Pul-i Alam in der Provinz Logar eine Provinzhauptstadt nur rund 70 Kilometer südlich der Hauptstadt Kabul. Aus Sicherheitskreisen heißt es seit Längerem, dass in Logar Taliban-Kämpfer für einen Angriff auf Kabul versammelt werden.

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani schwieg lange zur Lage. Sein Vizepräsident Amrullah Saleh teilte am Freitag mit, in einer Sicherheitssitzung im Präsidentenpalast sei entschieden worden, weiter der „Armee der Ignoranz und des Terrors“, damit meinte er die Taliban, entgegenzustehen. Man werde den Sicherheitskräften alle dafür notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. Es wird geschätzt, dass es rund 300.000 Sicherheitskräfte und 60.000 Taliban-Kampfer gibt.

3000 zusätzliche US-Soldaten

Mehrere Staaten bereiten sich mittlerweile auf die Evakuierung ihrer Botschaftsmitarbeiter und anderer Staatsbürger vor. Die US-Streitkräfte verlegen sofort rund 3000 zusätzliche Soldaten an den Flughafen in Kabul. Damit solle eine geordnete Reduzierung des US-Botschaftspersonals unterstützt werden, hieß es von einem Sprecher des US-Verteidigungsministeriums. Nach Informationen der „New York Times“ haben US-Unterhändler Vertreter der Taliban gebeten, die US-Botschaft in Kabul nicht anzugreifen, falls sie die Regierungsgeschäfte übernehmen und jemals ausländische Hilfe bekommen wollen.

Zudem verlegen die USA demnach bis zu 4000 weitere Soldatinnen und Soldaten nach Kuwait und 1000 nach Katar – für den Fall, dass Verstärkung gebraucht wird. Der Abzug der US-Soldaten aus Afghanistan solle aber bis 31. August abgeschlossen werden. Auch Großbritannien will rund 600 zusätzliche Soldaten schicken, um die Rückführung von Briten zu sichern. Zuletzt hatte US-Präsident Joe Biden erklärt, die Afghanen müssten nun „selbst, um ihren Staat kämpfen“. Nach Einschätzung der Vereinten Nationen wird die Lage der Menschen in Afghanistan immer verzweifelter. „Wir stehen kurz vor einer humanitären Katastrophe“, sagte eine Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Vor allem Frauen und Kinder würden vor den vorrückenden Taliban flüchten.

Nach Deutschland und den Niederlanden setzten am Donnerstag auch Frankreich und Dänemark Abschiebungen nach Afghanistan offiziell aus. In Österreich will das ÖVP-geführte Innenministerium bislang kein Ende der Rückführungen verkünden. Die Grünen stellen sich dagegen. Zu glauben, dass Österreich auf eigene Faust, also ohne Koordination mit anderen EU-Staaten und ohne Landeerlaubnis aus Kabul Rückführungen organisieren könne, sei realitätsfern, sagte die außenpolitische Sprecherin der Grünen im Nationalrat, Ewa Ernst-Dziedzic, zu Ö1.

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Zahlreiche Menschen sind vor den Kämpfen in die Hauptstadt geflohen. AFP
Zahlreiche Menschen sind vor den Kämpfen in die Hauptstadt geflohen. AFP

Chronologie Von der Invasion bis zum Abzug

11. September 2001: Die Anschläge von Al-Kaida in den USA lösen den US-geführten Militäreinsatz in Afghanistan aus. Der Drahtzieher der Anschläge, Al-Kaida-Chef Osama bin Laden, hielt sich unter dem Schutz der Taliban in Afghanistan auf.

7. Oktober 2001: Die USA beginnen mit Unterstützung Großbritanniens ihre militärische Offensive gegen das Taliban-Regime.

22. Dezember 2001: Der Bundestag in Berlin stimmt für eine Beteiligung deutscher Streitkräfte an der Internationalen Schutztruppe Isaf.

13. Juni 2002: Eine Große Ratsversammlung in Afghanistan bestimmt den bisherigen Chef der Übergangsregierung Hamid Karsai zum Präsidenten.

26. Jänner 2004: Eine neue Verfassung tritt in Kraft. Demnach ist Afghanistan eine Islamische Republik. Die 162 Artikel tragen in weiten Teilen den liberalen Vorstellungen des Westens Rechnung.

9. Oktober 2004: Die erste Präsidentenwahl in der Geschichte Afghanistans endet mit einem Sieg von Übergangspräsident Karsai.

18. September 2005: Erstmals seit 36 Jahren wählen die Afghanen ein Parlament. Knapp 2800 Einzelkandidaten bewerben sich um 249 Sitze.

2. Mai 2011: Osama Bin Laden wird während einer geheimen Operation von US-Spezialkräften im pakistanischen Abbottabad getötet.

1. Jänner 2015: Zum Jahreswechsel beendet die Nato offiziell ihren Kampfeinsatz in Afghanistan. In der neuen Mission „Resolute Support“ werden afghanische Streitkräfte ausgebildet und beraten.

15. Juli 2018: Taliban und Regierung lassen erstmals für drei Tage die Waffen ruhen – Anlass ist das islamische Fest des Fastenbrechens. Millionen Menschen feiern wenige Tage des Friedens.

28. Juli 2018: Die Taliban bestätigen die ersten direkten Gespräche mit Vertretern der US-Regierung in Doha.

29. Februar 2020: Die USA unterzeichnen mit den Taliban ein Abkommen, das einen schrittweisen Abzug der Nato-Streitkräfte vorsieht. Im Gegenzug versichern die Taliban, dass von Afghanistan keine Terrorgefahr mehr ausgeht.

13. September 2020: In Katar beginnen Friedensverhandlungen zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung.

1. Mai 2021: Es beginnt der offizielle
Abzug internationaler Truppen aus Afghanistan. US-Präsident Joe Biden zufolge sollen die US-Truppen bis spätestens
11. September das Land verlassen haben.

13. August 2021: Die Taliban haben mehrere Provinzhauptstädte erobert. Nach fast zwei Jahrzehnten übernehmen sie auch wieder die Macht in Kandahar, der zweitgrößten Stadt des zentralasiatischen Landes.