Folgen des Klimawandels sind schon spürbar

Politik / 10.08.2021 • 05:45 Uhr
Folgen des Klimawandels sind schon spürbar
Das Wetter wird aufgrund des Klimawandels immer extremer: Zuletzt sorgten Unwetterkatastrophen europaweit für Überschwemmung, Zerstörung und Todesopfer. DPA

Klimabericht warnt vor schweren Katastrophen. Österreich drohen bis zu fünf Grad mehr.

Schwarzach Mehr Hitzetage und Tropennächte, Dürre, aber auch zunehmender Regen, weniger Schneefall und steigende Gefahren für die Gesundheit. Wie verheerend sich die Erderwärmung auf Österreich auswirkt, zeigen Statistiken der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik ZAMG anlässlich des sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC am Montag. Seit Beginn der Industrialisierung ist es bereits um rund zwei Grad wärmer geworden. Ohne Trendumkehr wird die Erwärmung bis 2100 bei mindestens fünf Grad liegen, erläutern die Forscher. Die massiven Auswirkungen träfen auch Vorarlberg stark.

Die Hitzetage nehmen zu

„In den tiefergelegenen Regionen gibt es prinzipiell eine Zunahme der Hitzebelastung“, erklärt Marc Olefs, Leiter der Abteilung Klimaforschung bei der ZAMG. Die Folge: Auch in Vorarlberg nehmen Hitzetage zu. Speziell größere Städte sind betroffen. „Durch dichte Bebauung heizen sich die Flächen stärker auf.“ Sogenannte Tropennächte, bei denen die Minimaltemperatur nicht unter 20 Grad Celsius kommt, vervielfachen sich.
Wie stark sich die Zunahme um zwei Grad bereits auswirkt, lässt sich bereits an den Hitzetagen mit mindestens 30 Grad ablesen. So gab es im Zeitraum 1961 bis 1990 in den meisten Landeshauptstädten Österreichs pro Jahr zwischen fünf und elf Hitzetage. Die Rekordwerte lagen bei 20 Tagen. Im Zeitraum 1991 bis 2020 verzeichnete die ZAMG zwischen 16 und 22 Hitzetage, die Rekorde betrugen über 40. Die ZAMG warnt, dass sich dieser Trend fortsetzen könnte. Der extreme Wert von 40 Hitzetagen pro Jahr würde bei einem weltweit ungebremsten Ausstoß von Treibhausgasen am Ende des Jahrhunderts zum Normalfall. Rekorde könnten dann schon im Bereich von 60 bis 80 Tagen über 30 Grad pro Jahr liegen.

Gesundheitliche Risiken entstehen

Je heißer es ist, desto mehr macht es dem Körper zu schaffen. „Wir schlafen schlechter und die Produktivität nimmt ab“, erklärt Olafs. Auch untertags sei die Hitzebelastung höher, die Übersterblichkeit nehme dadurch zu. Auch Umweltmediziner Günter Diem berichtet von einer höheren Sterblichkeit speziell in Hitzeperioden, weil das Herz-Kreislauf-System mehr gefordert wird. Der menschliche Körper könne zwar mit Hitze umgehen, allerdings schleudere das Wetter uns immer wieder von einem Extrem ins andere. „Die langsame Gewöhnung an die Jahreszeiten fällt, klimabedingt, immer häufiger aus.“

Intensivere Unwetter drohen

Dass der Klimawandel mehr Extreme mit sich bringt, zeigt auch die Verteilung der täglichen Regenmengen. Diese hat sich in den vergangenen 30 Jahren verändert. Die Zahl der Tage, an denen es wenig regnet, werden seltener. Die Zahl der Tage mit sehr viel Niederschlag nahm hingegen um zehn bis 30 Prozent zu. Es kommt zu einer paradoxen Situation: „Die Sommer werden im Schnitt trockener. Wenn es aber Unwetter gibt, werden sie stärker und intensiver“, erklärt Olefs. Die Wetterlagen mit Unwetterpotenzial stiegen sogar um rund ein Fünftel. Unter anderem nähmen auch lokale Überflutungen zu.

Die Dürregefahr steigt und bedroht die Vegetation

Starke Auswirkungen betreffen auch die Vegetation, die Gefahr von Dürren steigt, wie die ZAMG weiter aufzeigt. Die Erwärmung wirkt sich nämlich auf die Wasserbilanz aus. Je wärmer es ist, desto mehr Feuchtigkeit verdunstet aus den Böden in die Luft. Außerdem verlängert ein wärmeres Klima die Vegetationsperiode. Die Pflanzen entnehmen über einen längeren Zeitraum Wasser aus den Böden. Untersuchungen für den Alpenraum zeigen, dass in den kommenden Jahrzehnten die Schwankungen der Niederschlagsmenge von Jahr zu Jahr größer werden könnten, wodurch die Dürregefahr zusätzlich steigt.

Die Gletscher sterben aus

Wie stark sich die Entwicklungen schon auf die Vorarlberger Bergwelt auswirken, kann Rainer Schlattinger berichten. Er ist Geschäftsführer des Österreichischen Alpenvereins in Vorarlberg. Dieser führt bereits seit über 100 Jahren Gletschermessungen durch. „Die Gletscher gehen deutlich zurück. Das ist nicht nur ein ästhetischer Faktor, sondern wirkt sich auch auf die Energieversorgung, auf den Mikrokosmos im alpinen Klima sowie auf die Gefahrenlage aus“, sagt der Chef des Alpenvereins. Im Jahr 2100 könnte es so weit sein: Dann dürften die Gletscher in den Alpen wohl weitgehend verschwunden sein.

Klimaschäden auch in den Vorarlberger Bergen

Schon jetzt zeigen sich die Folgen der Erderwärmung in den Vorarlberger Bergen deutlich. So sei die Wasserversorgung auf den Hütten nicht immer gegeben, Wasser müsse hinauftransportiert werden, berichtet Schlattinger. Durch Starkniederschläge nähmen Schäden an der Infrastruktur, sprich den Wanderwegen, zu. Auch Wintersportler merken die Auswirkungen. Skitouren wie einst bis Ende April sind eher zur Seltenheit geworden. „Ziemlich oft gibt es bis Ende Jänner wenig bis gar keinen Schnee.“

In Zukunft wird der Schnee noch weniger. Den Prognosen der ZAMG zufolge bleibt es in den kommenden Jahrzehnten nur mehr oberhalb von etwa 1500 bis 2000 Meter noch kalt genug für Schneefall. In tiefen Lagen wird es stattdessen immer öfters regnen. VN-ram, ebi

Der UN-Klimabericht

Der Weltklimarat bündelte den aktuellen Wissensstand zur Erderwärmung und deren Folgen.

Der Mensch ist schuld. Die gesamte Erderwärmung seit der vorindustriellen Zeit ist laut dem Bericht auf die Freisetzung von Gasen wie Kohlendioxid oder Methan zurückzuführen. Diese entstehen unter anderem durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl, Holz oder Erdgas. Nur ein sehr kleiner Bruchteil, maximal 0,1 oder 0,2 Grad des Temperaturanstiegs seit dem 19. Jahrhundert sei auf natürliche Gründe wie die Sonne zurückzuführen.

Die Ziele von Paris. Fast alle Staaten der Welt haben sich zu den Pariser Klimaschutzzielen von 2015 bekannt, die globale Erderwärmung bis 2100 auf unter zwei Grad im Vergleich zum Ende des 19. Jahrhunderts beschränken zu wollen, möglichst sollen es unter 1,5 Grad sein. Doch die 1,5-Grad-Schwelle wird dem Bericht zufolge schon in den 2030er-Jahren überschritten, früher als in vorherigen Prognosen.

Die Konsequenzen. Die Eisschmelze und der Anstieg der Meeresspiegel beschleunigen sich. Wetterextreme wie Stürme und Hitzewellen dürften sich dem Bericht zufolge noch verschlimmern und häufiger werden. Selbst wenn die Emissionen dramatisch eingeschränkt werden, sind einige der Veränderungen am Klima auf Jahrhunderte hinaus nicht mehr umkehrbar.

Kleiner Hoffnungsschimmer. Die meisten der Prognosen des Weltklimarates sind düster, doch zumindest werden einige der katastrophalsten Vorhersagen abgeschwächt. Die sogenannten „Tipping Points“, also Ereignisse, die weltweit katastrophale Auswirkungen hätten wie ein Kollaps des Eisschilds in der Antarktis, gelten mittlerweile als eher unwahrscheinlich, aber nicht als ausgeschlossen. Die Erderwärmung könne gestoppt werden, wenn Politiker jetzt deutliche und sofortige Reduktionen des Treibhausgasausstoßes beschließen. Dem Bericht zufolge ist das Ziel, die Erwärmung unter zwei Grad zu halten, jedoch nur mit sofortigen und weitreichenden Klimaschutzmaßnahmen zu erreichen.