Brot und Spiele
Das laut Medienversorgung und Konsumentenerwartung augenscheinlich wichtigste Gegenwarts-Ereignis findet zur Zeit in Tokio statt: Das aus Covid-Verschiebungsgründen „Olympische Spiele 2020“ genannte „Kräftemessen der Besten der Welt“. Dass diese Welt wegen fortdauernder Umweltverbrechen, einer längst nicht besiegten Pandemie, Kriegen, Hungersnöten, weltweitem Sinken der durchschnittlichen Lebenserwartung und etlicher anderer vermeidbarer Übel langsam vor die Hunde geht, scheint weniger wichtig zu sein.
Als „Vater“ der Ablenkungsgymnastik muss der vor 2000 Jahren regierende römische Kaiser Traianus gelten, der das Prinzip von „panem et circenses“ erfand: Das Narkotisieren des zu Recht beunruhigten Volkes mit „Brot und Spielen“. Olympia darf als die moderne Version mit der Zugabe von offensichtlichem Patriotismus gelten, der sich im „Medaillenspiegel“ manifestiert: Derzeit liegen die USA, China und Japan in Führung. Abgeschlagen dahinter Deutschland auf Platz 11 und Österreich auf Platz 27.
Natürlich feiern sich „die“ zu Hause gebliebenen Amerikaner und andere Spitzenreiter-Fans ihre Nationen darob kollektiv als „die Größten, die Führendsten, und Bedeutendsten“. Nicht im Lösen von auch nur einem der oben genannten Probleme sondern im Springen, Laufen, Balltreten und anderer Leibesübungen eines stante pede in den Heldenstand erhobenen kleinen Häufchens von Landsleuten.
Natürlich sind etliche olympische Höchstleistungen bewundernswert, aber das Helden-Register sollte neu sortiert werden. Denn was ist heldenhaft daran, wenn ein US-Amerikaner drei hundertstel Sekunden schneller schwimmt als sein Konkurrent aus der Ukraine? Wahre Helden gibt es viele. Beispielsweise Wissenschaftler, die mit lebensgefährlichen Selbstversuchen und bis zum eigenen körperlichen Zusammenbruch neue Impfstoffe zur Bekämpfung von Pandemien entwickelten.
Und zudem sind da die weitestgehend unbeachteten Mitglieder des Heers der sogenannten „Stillen Helden“ die oft unter Missachtung der eigenen Bedürfnisse aufopfernd helfen und das Leben von Mitmenschen erträglicher machen. Wir alle kennen solche heldenhaften Exemplare der Mitmenschlichkeit, und wir danken es ihnen nicht oft genug. Vorschlag deshalb: Die Olympia-Flimmerkiste mal kurz abschalten. Und die Zeit nutzen, um über die wirklichen Probleme der Welt nachzudenken und auch darüber, welchen wahren Helden wir Dank schuldig sind.
„Natürlich sind etliche olympische Höchstleistungen bewundernswert, aber das Helden-Register sollte neu sortiert werden.“
Peter W. Schroeder
berichtet aus Washington, redaktion@vn.at