Kritik an Regenbogenverbot am Münchner Stadion

Politik / 23.06.2021 • 20:00 Uhr
Ein Flitzer stürmte vor dem EM-Vorrundenspiel Deutschland gegen Ungarn mit einer Regenbogenfahne aufs Feld der Münchner Arena. Kurz darauf wurde er unter Applaus der deutschen Fans abgeführt.  <span class="copyright">AFP</span>
Ein Flitzer stürmte vor dem EM-Vorrundenspiel Deutschland gegen Ungarn mit einer Regenbogenfahne aufs Feld der Münchner Arena. Kurz darauf wurde er unter Applaus der deutschen Fans abgeführt.  AFP

Ärger über UEFA reißt nicht ab. EU-Kommission will gegen Ungarns Gesetz vorgehen.

münchen Die politische Debatte um die Einschränkung der Rechte von LGBTQ-Personen in Ungarn hat den Sport erreicht. Längst steht nicht nur die Regierung in Budapest im Fokus des Protests. Auch die Entscheidung der Europäischen Fußball-Union (UEFA), wonach das Münchner Stadion beim deutschen EM-Spiel gegen Ungarn nicht in den Regenbogenfarben aufleuchten durfte, löst Widerstand aus. Vorarlbergs VFV-Präsident Horst Lumper hätte das Stadion gerne bunt gesehen. Auch Michael Andreas Egger von GoWest und Oliver Egger von “Fußball für alle” kritisieren die UEFA.

Egger hätte sich eine frühere Reaktion Österreichs gewünscht.<span class="copyright"> VOL/Mayer</span>
Egger hätte sich eine frühere Reaktion Österreichs gewünscht. VOL/Mayer

Orban reiste nicht an

Am Münchner Rathaus wehten zehn Meter lange Regenbogenflaggen an den Fahnenmasten. <span class="copyright">AFP</span>
Am Münchner Rathaus wehten zehn Meter lange Regenbogenflaggen an den Fahnenmasten. AFP

Hintergrund der aktuellen Debatte ist ein neues Gesetz in Ungarn, das die Informationsrechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität einschränkt und in der vergangenen Woche vom ungarischen Parlament gebilligt wurde. Es gilt als besonderes Anliegen von Ministerpräsident Viktor Orban. Dem EM-Spiel in München blieb Orban fern, appellierte aber im Vorfeld an die deutsche Politik, das UEFA-Verbot zu akzeptieren: „Ob das Münchner Fußballstadion oder ein anderes europäisches Stadion in Regenbogenfarben leuchtet, ist keine staatliche Entscheidung.“

Die UEFA begründete ihre Position mit dem Argument, dass sie eine politisch und religiös neutrale Organisation sei. Am Mittwoch verteidigte der Verband seine Entscheidung, wollte seinen Kritikern aber entgegenkommen. „Die UEFA ist stolz darauf, heute die Farben des Regenbogens zu tragen“, schrieb der Verband, der sein Logo online mit den sechs Farben anreicherte.

Orban appellierte an die deutsche Politik. <span class="copyright">Reuters</span>
Orban appellierte an die deutsche Politik. Reuters

VFV-Präsident Horst Lumper versteht die Argumentation der UEFA. “Gerade beim Match gegen Ungarn ist der Verband wohl ein bisschen in Zugzwang geraten.” Persönlich unterstütze er die Anliegen der LGBTQ-Community. “Ich hätte es prinzipiell begrüßt, wenn die UEFA das Stadion in Regenbogenfarben getaucht hätte.” In Österreich war Oliver Egger der erste bekannte Fußballer, der sich 2016 offen geoutet hat. 2019 wurde er deshalb Vorsitzender der ÖFB-Ombudsstelle “Fußball für alle”.

Der Spieler des FC Gratkorn betont: “Natürlich handelt die UEFA nach den Statuten korrekt.” Aber dass die UEFA, die equal-game- und anti-Rassismus-Kampagnen durchführt, eine Untersuchung wegen Manuel Neuers Kapitänsbinde in Regenbogenfahnen eingeleitet habe, zeige, dass sie nur mit leeren Worthülsen herumschmeiße. “Man berichtet von rassistischen und homophoben Vorfällen beim Spiel Ungarn gegen Frankreich. Da ist die UEFA sehr still”, ärgert er sich.

Oliver Egger bemängelt zudem, dass Homophobie eigentlich ganzjährig ein Thema sein sollte. “Jetzt ist es groß in den Medien. Aber die Politik sollte sich immer für die Betroffenen einsetzen.”  Er kritisiert zudem, dass sich Österreich erst spät dem Protest an Ungarn angeschlossen hat.

14 EU-Staaten forderten die Kommission auf, gegen das neue Gesetz in Ungarn vorzugehen. Österreich beteiligte sich zunächst nicht. Am Mittwoch sagte Europaministerin Karoline Edtstadler dann doch ihre Unterstützung zu. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, bezeichnet das ungarische Gesetz als Schande. Sie habe die zuständigen Kommissare dazu aufgefordert, einen Brief an Ungarn zu schicken, um den rechtlichen Bedenken Ausdruck zu verleihen.

Warnung vor Suiziden

Auch Michael Andreas Egger, Teil des Kernteams des Vorarlberger Vereins GoWest, hätte sich einen rascheren und deutlicheren Appell der österreichischen Politik erwartet. Viele Länder, darunter Österreich, schauten bei den Vorgängen in Ungarn einfach nur zu, kritisiert Egger und weist darauf hin, dass die Suizidrate unter homosexuellen Personen bis zu sieben Mal höher ist. Mit dem neuen Gesetz werde die Aufklärung von Jugendlichen in Ungarn deutlich erschwert. „Ich will mir gar nicht ausmalen, was im Kopf dieser armen jungen Menschen vorgeht.“ Die Argumentation der UEFA lässt Egger nicht gelten. Es handle sich um eine feige Entscheidung. „Es ist alles Politik. Die UEFA soll nicht so tun, als wäre sie nicht politisch. Sie wollte einfach kein Zeichen gegen Ungarn setzen.“

2022 findet die Fußball-WM in Katar statt. Dort drohen für Homosexualität harte Strafen. Oliver Egger ist überzeugt: “Würde man die aktuelle Kritik aufrecht erhalten, dann müssten sehr viele Politiker und Verbände die WM 2022 boykottieren.”

Michael Prock, Magdalena Raos