Klick! Mich! An! Das Aufmerksamkeits-Spiel
Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hält den Menschen im Medienbetrieb gerne einen Spiegel vor, in dem die sich allerdings weniger gerne erblicken. „Wir leben leider in einer Medienlandschaft, die jenen die größte Bühne gibt, die am lautesten schreien und sich empören“, sagt die kürzlich mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete deutsche Chemikerin jetzt in einem Interview mit der „Presse“.
Zuspitzung, Polemik und Emotionen treiben das mediale Geschäft heute bekanntermaßen an und die Formel dafür ist einfach, meint auch Nguyen-Kim: „Empörung bringt Klicks. Klicks bringen Werbegeld. Das ist ein gefährlicher Strudel, und das sage ich, die auf YouTube so eine große Reichweite hat.“ Mit ihrem öffentlich-rechtlichen YouTube-Kanal MaiLab erreicht die Chemikerin 1,3 Millionen Menschen, die sich von ihr naturwissenschaftliche Themen erklären lassen. Gerade in der Corona-Pandemie leistet sie grundlegende Aufklärungsarbeit, klar, pointiert, aber auch immer sachlich und den wissenschaftlichen Fakten verpflichtet.
Zuspitzung, Polemik und Emotionen treiben das mediale Geschäft heute bekanntermaßen an.
Eine erfreuliche Antithese zu der leider allzu oft vom reinen Wunsch nach Aufmerksamkeit getriebenen Medienwelt. Gerade die Social-Media-Plattformen wirken hier als Brandbeschleuniger, man hat das in der Pandemie gut beobachten können: Je wilder und gefühliger man einen Standpunkt vertritt, umso mehr Zustimmung bekommt man – und wenn es auch deutliche Ablehnung gibt, umso besser, ich und meine Meinung, wir zwei fallen auf! Dabei geht die große positive und verbindende Dimension von Social Media manchmal fast unter – Menschen zumindest im Netz zusammenzubringen, so auch gegen Einsamkeit und Vereinzelung gerade in der Ausnahmesituation anzugehen, möglicherweise neue Netzwerke zu bilden.
Mit dem Holzknüppel unterwegs
Klick mich an! Fav meinen Tweet! Teile meine überaus starke Meinung! In der von Social Media angetriebenen Medienwelt wird sich der Umgang miteinander in der neuen Phase der Pandemie nicht entspannen. Wer ganz kalkuliert im Sinne des Aufmerksamkeitsgewinns mit Aggressionen arbeitet und lieber mit dem Holzknüppel herumrudert als mit dem Florett zu fechten versucht, wird es aufgrund des Erfolgs bei seinen Zielgruppen weiterhin tun. Die anderen, die das nicht wollen, sind für die Emotionsgetriebenen vor allem das: langweilig und angepasst. Fad, so nennt man das in Wien.
Wie man im Strudel der allgemeinen Emotionalisierung, in der viele vor allem die eigene Agenda betreiben, gemeinsam vernünftig an einer Gesellschaft arbeiten will, in der die Menschen vielleicht besser und friedlich miteinander (oder zumindest nebeneinander) leben können – das kann bisher niemand aus der Neigungsgruppe Emotionsturm erklären. Wäre ja auch fad.
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