„Not amused“
Die Queen war „not amused“, als man ihr die Titelseite des satirischen Magazins „Charlie Hebdo“ zeigte: Unter der Schlagzeile „weshalb Meghan Buckingham verlassen hat“ ist eine wenig schmeichelhafte Karikatur von Königin Elisabeth II. zu sehen die auf einer um Luft ringenden Meghan Markle kniet, welche die Antwort gibt: „Weil ich nicht mehr atmen konnte“. Die Anspielung war ebenso klar wie pietätlos: Nämlich direkt auf den Fall des von einem Polizisten erstickten George Floyd. Darf Satire, wie sie selbst zu behaupten pflegt, wirklich „alles“? Oder muss sie Zurückhaltung üben, Grenzen einhalten?
Dass es sich ausgerechnet um eine französische Publikation handelt, stieß manchen Engländern besonders sauer auf. Zumal die Tötung Floyds die weltweite „Black-lives-matter“-Bewegung ausgelöst hatte. Dennoch, „Charlie Hebdo“ hat den Finger zielsicher auf die Wunde gelegt: Prinz Harry, der Enkel der Queen, und seine Gattin Meghan Markle haben im TV-Interview mit Oprah Winfrey vor 17 Millionen Zuschauern das britische Königshaus unverblümt des Rassismus bezichtigt. Die Duchess of Sussex sagte, Harry habe ihr gegenüber während der Schwangerschaft erwähnt, dass man im Palast die Frage aufgeworfen habe, „wie dunkel“ wohl die Haut des künftigen Kindes Archie sein werde. Und, deutete Meghan an, dieses Thema habe die Entscheidung über den künftigen Titel beeinflusst.
Wer genau dies geäußert habe, wurde nicht präzisiert; später versicherte Harry, dass dies weder die Königin noch Prinz Philip gewesen seien. Doch der Schaden war angerichtet. Mit der Anspielung Meghans auf Selbstmordgedanken und der Bemerkung Harrys, dass sich sein Vater, der Thronfolger Prinz Charles, geweigert habe, Anrufe seines Sohnes entgegenzunehmen, wurde zusätzlich Öl ins Feuer gegossen. Der Palast schoss zurück und bezichtigte Meghan, hochrangige Palast-Angestellte drangsaliert zu haben.
Bei der Hochzeit des Paares 2018 wurde die Harmonie noch wohlig zelebriert – es sang ein Gospelchor, der Pastor zitierte Martin Luther King, und erstmals wurde eine dunkelhäutige Frau in die königliche Familie aufgenommen. Jener eine Satz Meghans hat das englische Selbstverständnis von einer toleranten Gesellschaft angekratzt – und Fragen zur Zukunft der Monarchie aufgeworfen. Diese Institution soll Einheit verkörpern und gewährleisten; jenes Interview hat die Nation in zwei Lager gespalten.
„Das englische Selbstverständnis von einer toleranten Gesellschaft wurde angekratzt.“
Charles E.
Ritterband
charles.ritterband@vn.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).