Belastungsprobe
#vorarlberghältzusammen. So starteten wir vor einem Jahr in das Abenteuer Lockdown. Drei Versuche später sind die zahlreichen Telefonnummern von freiwilligen Helfern verschwunden und die innovativen regionalen Maskenideen billiger Importware aus China gewichen. Das Virus beherrscht zwar weiter unseren Alltag, aber die Angst davor ist kleiner geworden. Leider auch die Bereitschaft, beim Contact Tracing alle Kontakte anzugeben. Immerhin wissen wir, dass Zusammenkünfte nicht erlaubt oder zumindest nicht vernünftig sind. Wer will dabei schon Freunde und Nachbarn verpetzen?
Am 15. März erhält #vorarlberghältzusammen allerdings eine neue Bedeutung: Vorarlberg gegen den Rest Österreichs. Ähnlich wie Impfvordrängler weckt das Ländle den Neid der anderen Bundesländer, trotz der Betonung sich „nur“ als Testregion zur Verfügung zu stellen. Die Besten im Westen sitzen im Gastgarten, die anderen immer noch vor verschlossenen Gastro-Türen. Das ist eine ernsthafte Belastungsprobe für die innerösterreichische Solidarität in Zeiten von Grenzkontrollen zu Tirol oder der drohenden Abriegelung eines Kärntner Bezirks.
Die Besten im Westen sitzen im Gastgarten, die anderen immer noch vor verschlossenen Gastro-Türen.
Unterschiedliche Zahlen erfordern bzw. ermöglichen unterschiedliche Maßnahmen. Diese im Grunde richtige Idee wollte bereits die Corona-Ampel verwirklichen. Sie ist am Widerstand der Bundesländer gescheitert, die je nach Infektionsgeschehen mit anderen Kennzahlen, anderen Konsequenzen und anderen Einteilungen jonglierten. Obwohl es den Bewohnern in Hermagor das Leben nicht erleichtert, wenn die Bregenzer ebenfalls zu Hause bleiben müssen, ist die Gefahr der Missgunst groß. So wie es bereits Geimpften nicht gegönnt wird, ein paar Wochen früher am Strand zu liegen. Obwohl Ethiker in Deutschland und Österreich betonen, dass die Rückkehr zum gewohnten Leben nicht als Privileg zu betrachten ist.
Die EU scheitert immer wieder an nationalen Egoismen. Österreich darf nicht denselben Fehler aus Regionalpatriotismus riskieren. Die positive Diskriminierung Vorarlbergs wird Auswirkungen auf unseren Zusammenhalt zeigen. Jubel und Häme, Neid und Eifersucht auf die vorzeitigen Lockerungen sind die falschen Reaktionen. Die Testregion kann vor allem zeigen, ob sich die Bevölkerung durch die Definition von Kennzahlen motivieren lässt. Doch für dieses Ziel bräuchte es mehr Transparenz bei den Fakten und mehr Erklärung über Wirkungszusammenhänge zwischen Maßnahmen und Infektionen. Das mag alles sehr kompliziert und anstrengend klingen – ist es auch. Aber wenn die Bekämpfung einer Pandemie zu einem Wettbewerb zwischen Regionen wird, müssen für alle die gleichen Spielregeln gelten. An dieser Festlegung sind Parteien, Bund und Länder allerdings bisher gescheitert.
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