Sinkende Inzidenz, mehr Todesfälle: Zwischen Hoffen und Bangen in der Coronakrise

Politik / 19.11.2020 • 05:30 Uhr
Sinkende Inzidenz, mehr Todesfälle: Zwischen Hoffen und Bangen in der Coronakrise
Die Auslastung der Intensivstationen mit Covid-19-Patienten steigt an. Der Sieben-Tages-Wert von Neuinfizierten beginnt in Vorarlberg zu sinken.  APA

Gesundheitsexperte: Sinkende Infektionszahlen und steigende Todesrate kein Widerspruch.

Schwarzach, Wien Es ist ein trauriger Höhepunkt für Österreich. Erstmals seit Beginn der Pandemie sind mehr als 100 Menschen binnen 24 an den Folgen von Covid-19 gestorben. Die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen steigt ebenfalls. Dort mussten am Mittwoch mehr als 680 Personen behandelt werden, also um ein Viertel mehr als vor einer Woche.

Weniger Neuinfizierte

Zwischen all dem Bangen gibt es aber auch Hoffnung. Zwar bleibt die Zahl der Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner österreichweit auf hohem Niveau. Die sogenannte Inzidenz ist binnen der vergangenen Woche aber nicht mehr dramatisch gestiegen und blieb unter 550. In Vorarlberg nimmt der Wert langsam ab. Vor einer Woche lag die Inzidenz bei rund 750, erreichte am Freitag dem 13. mit 850 den Höhepunkt und sank bis Mittwoch auf 689. Das ist im Bundesländervergleich zwar noch immer der zweithöchste Wert. Aber die Richtung stimmt.

Das bestätigt auch Gesundheitsexperte Armin Fidler (62). Für ihn sind sinkende Infektionszahlen auf der einen und dramatisch steigende Todesraten auf der anderen Seite kein Widerspruch. Die Entwicklung komme auch nicht unerwartet. „In der Belegung der Krankenhausbetten und Intensivstationen bildet sich das Infektionsgeschehen der vergangenen zehn bis 14 Tage ab“, erklärt Fidler. Dieses ist zu der Zeit bekanntermaßen kräftig in die Höhe geschossen. Sukzessive füllten sich die für Covidpatienten in den Spitälern vorgesehenen Normal- und Intensivbetten. „Mit der Frequenz in den Intensivstationen steigt auch die Todesrate“, sagt Armin Fidler. Das gilt besonders für jene Patienten, die an eine Beatmungsmaschine angeschlossen werden müssen. Bei intubierten Erkrankten kann die Todesrate bis zu 50 Prozent betragen. Dieser Wert gilt laut Fidler auch international.

Für die Krankenhäuser sieht der Fachmann vor Ende des Monats aufgrund der zeitverzögerten Auswirkungen von Covid19 keine Entlastung. Wie berichtet, wurden die Intensivplätze inzwischen auf 71 aufgestockt. Landeshauptmann Markus Wallner gab sich zuversichtlich, damit das Auslangen zu finden. Armin Fidler geht nach heutigem Stand der Dinge ebenfalls davon aus, „dass wir möglicherweise gerade noch die Kurve kratzen könnten.“ Er spricht aber gleichzeitig von einem Blick in die Kristallkugel. Zum einen spiele die Liegedauer der Patienten eine große Rolle, zumal Covid-Betroffene mit schweren Verläufen ein Intensivbett oft drei und mehr Wochen belegen. Zum anderen gehe es um das Personal. „Ein leeres Bett nützt ohne geschulte Leute nichts.“ Laut Mitteilung der Krankenhausbetriebsgesellschaft (KHBG) sind derzeit 133 Mitarbeitende positiv auf das Coronavirus getestet, 107 zusätzlich in Quarantäne. Auch diese Zahl ist gestiegen.

Zuversicht erlaubt

Was die seit einigen Tagen sinkenden Infektionszahlen betrifft, dürfe man aber durchaus zuversichtlich sein. „Es ist wichtig, von diesem hohen Plateau, das wir vor dem zweiten Lockdown hatten, schnell herunterzukommen“, betont Fidler. Deshalb sei die Verschärfung der Maßnahmen notwendig gewesen. „Spielen die Leute mit, könnten wir es bis zum Ende des Lockdowns schaffen, wieder auf eine Inzidenz von unter 50 zu kommen. Allerdings stellt der Experte fest, dass viele Menschen bereits abgestumpft sind, aber: „Wir brauchen die Mitarbeit aller.“

Bislang waren etwas mehr als 12.700 Vorarlberger, also drei Prozent, mit Corona infiziert. Rund 4000 dieser Fälle, ein Prozent der Bevölkerung im Land, sind als aktive Fälle registriert. Österreichweit wurden 2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung positiv getestet. 1,3 Prozent zählen zu den aktiven Fällen in der Republik.

Marlies Mohr, Birgit Entner-Gerhold