Heinz Gstrein

Kommentar

Heinz Gstrein

Tempelhüpfen von Brandstifter Erdogan

Politik / 12.10.2020 • 06:59 Uhr

Ankara Als neues Ablenkungsmanöver hat sich der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan am Sonntag Zypern zugewandt. Nachdem er in der Frage der Hoheitsgewässer samt Gasvorkommen von der EU zum Verhandeln verdattert wurde, dringt er ins zwischen Zyperngriechen und -türken zum Niemandsland erklärte Famagusta ein. Dieser einst wichtigste Hafen und Handelsplatz blieb beim Waffenstillstand nach der türkischen Sommerinvasion von 1974 eine Geisterstadt. Jetzt hat Erdogan mit ihrer Besitznahme begonnen, verstößt damit gegen jedes internationale Abkommen, stützt aber die Politik seines radikalen Kandidaten Ersin Tatar für die Führung der türkischen Besatzungszone. Er war beim Wahlgang vom Sonntag Herausforderer von dem zu zyprischer Wiedervereinigung in einem Bundesstaat bereiten Mustafa Akinci.

Das Tempelhüpfen von Erdogan Richtung Zypern, von seinem nach Syrien, Libyen und Mittelmeer letzten Zündeln in Bergkarabach, geht also weiter. Mit seinen Sprüngen von einem ostmediterran-kaukasischen Konfliktherd zum anderen will Erdogan schneller sein als die inflationären Schübe seiner wankenden Lira-Währung. Fast alle Dollar- und sonstigen Devisenreserven der Türkei sind aufgebraucht, die Wirtschaftskrise droht in eine Katastrophe zu münden. Das Vertrauen ausländischer Anleger in den aus Ankara immer wieder beschworenen wirtschaftlichen Wiederaufschwung ist gleich Null. Indem das Regime jede Debatte über die finanziellen und ökonomischen Probleme einfach verbietet, gibt es selbst den wildesten Gerüchten Nahrung.

Die militärischen Ablenkungserfolge der Türkei in Syrien, Libyen und Karabach sind in erster Linie ihren Kampfdrohnen zu verdanken. Diese Schöpfungen von Erdogans Schwiegersohn Selcuk Bayraktar werden als ureigene Rüstungsleistung der Türken gefeiert, haben jedoch ein österreichisches Herz: Die Motoren Rotax 912 und 914, gebaut in Günskirchen bei Wels und in großen Mengen an die türkischen Rüstungswerke Baykar geliefert. Aus einem Österreich, das sich sonst in der EU als schärfster Kritiker Erdogans gebärdet.