Kathrin Stainer-Hämmerle über die Wien-Wahl: “Drei Bräute und ein Todesfall”

Ludwig hat mit drei möglichen Partnern alle Trümpfe in der Hand.
KLagenfurt Der Sieger in Wien war von Beginn an klar, auch das Überspringen der symbolischen 40-Prozent-Marke. Den Abstand zur zweitgrößten Partei deutlich zu vergrößern, ist Bürgermeister Ludwig ebenfalls gelungen. Der größte Erfolg ist seine Ausgangsposition für kommende Koalitionsverhandlungen. Mit drei möglichen Partnern hat er alle Trümpfe im Ärmel. In den nächsten Tagen kann er gelassen inhaltliche Schnittmengen und personelle Angebote ausloten.
Hinter der SPÖ hat sich die Aufstellung deutlich verändert. Die Grünen unterlagen im Rennen um Platz zwei der neuen ÖVP. Ob sie ihr historisch bestes Ergebnis erreichen, entscheiden erst die Briefwähler. Die Neos überholten die Freiheitlichen, die sich 2015 noch im Duell um den Bürgermeister sahen. Doch bereits damals ließen sich die Wiener ihre Stadt nicht schlechtreden. Weder von Oppositionsparteien noch von der Bundesregierung.
Ohne Wien, wo zwölf Prozent aller Wahlberechtigten leben, ist jedenfalls keine Nationalratswahl zu gewinnen. Die ÖVP hat ihre Chancen mit dem gestrigen Ergebnis deutlich gewahrt. Für Kleinparteien sind Ergebnisse in urbanen Räumen noch entscheidender. Sind doch Städter jünger, mobiler und aufgeschlossener für politische Experimente. Es wird daher spannend, wie sich Ludwig entscheidet: Den bewährten rot-grünen Weg weitergehen? Mit Pink die Reibungsfläche zum Bund erhöhen? Oder gar zurück zur großen Koalition?
Die personellen Konsequenzen sind die zweite spannende Frage: Wessen Kopf rollt als erster? Über das politische Schicksal von Heinz-Christian Strache haben die Wähler entschieden. Bei der FPÖ sind die Parteigremien am Zug. Dominik Nepp wird nicht so leicht alle Schuld auf seinen früheren Chef abwälzen können und Norbert Hofer nicht so leicht auf Nepp. Ihr Glück ist nur, dass in den nächsten Tagen kaum Bewerbungen für FPÖ-Parteichefs einlangen werden. Der traditionelle blaue Montag ist heute wohl trotzdem abgesagt.
Top
Gelassene Sachpolitik
Michael Ludwig hat seinen Amtsbonus bestens genutzt. Wie ein Fels in der Brandung ließ er jedes Wien-Bashing ungerührt abprallen. Sein Understatement in Bezug auf die Absolute war wohldosiert. Für die scharfen Töne schickte er Gesundheitsstadtrat Peter Hacker aus. Ohne Wadlbeißerei schafften die Neos einen Überraschungserfolg. Statt zerrieben zu werden zwischen dem Rennen um Platz zwei oder zwischen Links und Rechts, startete Christoph Wiederkehr als Unbekannter und arbeitete sich zum ernstzunehmenden Koalitionspartner empor.
Flop
Hetzerische Coronaleugner
Die quälende Verlängerung der politischen Karriere von Heinz-Christian Strache ist zum Wohl der ganzen Republik beendet. Es war seine letzte Gelegenheit als Mitdiskutant auf Augenhöhe von den Medien wahrgenommen werden. Die FPÖ kann nur hoffen, dass mit Strache seine Skandale aus der tagesaktuellen Wahrnehmung verschwinden. Egal wer das Original und wer die Kopie ist: Angstmacher und Coronaleugner erhielten gestern die Schlusslaterne. Die FPÖ hat ihre Glaubwürdigkeit auch für Patrioten verloren.