Die zweite Welle
Es war vor genau zehn Tagen: Der Airbus der Austrian Airlines, von London Heathrow kommend, setzte zum Landeanflug auf Wien an. Die Maitre de Cabine schritt ein letztes Mal durch die fast leeren Sitzreihen. Und verteilte jedem Passagier ein Formular im Format A5. Dort gab es zwei Optionen: A) Entweder man war österreichischer Staatsbürger und/oder hatte seinen Wohnsitz in Österreich: Da hatte man sich sofort nach Ankunft in eine 14-tägige Heimquarantäne zu begeben. Falls A) nicht zutraf, war man B) verpflichtet, ohne Zwischenstopp durchzureisen. Da ich weder auf Option A) oder B) besondere Lust verspürte und mich dazu auch nicht gesetzlich verpflichtet fühlte, ging ich in einem leisen Anflug von Panik zur Stewardess und fragte sie um Rat. „Schmeißen’s des einfach weg“, war ihr pragmatischer Tipp. Und tatsächlich: Der nette Polizist an der Passkontrolle warf nur einen flüchtigen Blick auf meinen Schweizer Pass – von jenem Formular war keine Rede.
Die anderen Passagiere, offenbar sämtlich gelernte Österreicher, wussten schon selber, was sie mit dem ominösen Formular zu tun hatten: ignorieren und wegwerfen. Ich, als nur mangelhaft gelernter Österreicher, aber gesetzestreuer Schweizer, der sich von Formulierungen auf Formularen einschüchtern lässt, war ziemlich ratlos. Andererseits war dies der passende Vorgeschmack für das, was mich hier in Österreich erwarten sollte: Eine Corona-Welt der Widersprüche und Verwirrungen. Aber das war den Wienern offenbar völlig wurscht, zumal sie bei diesem herrlich warmen Spätsommerwetter in den vielen lauschigen Schanigärten eng beisammen saßen, die lästigen Gesichtsmasken irgendwo in der Hosentasche versenkt, und in ihrer Weinseligkeit die blöde Pandemie Pandemie sein ließen.
Man kann den Österreichern die Verwirrung kaum verübeln.
Der Kanzler hingegen, der doch erst vor Kurzen das „Licht am Ende des Tunnels“ beschworen hatte, verkündete jetzt plötzlich (und mit gutem Grund) die „zweite Welle“. Worauf sein grüner Koalitionspartner, Gesundheitsminister Anschober prompt präzisierte, dass dies nun doch nicht die „echte zweite Welle“ sei. Und dann die berühmte Ampel: Was jetzt. Ampel in Wien von Gelb auf Orange? Und was bedeutet das konkret, beispielsweise für Eltern, die nicht wissen, ob sie ihre Kinder am Morgen zur Schule bringen sollten? Die Ampel sollte Klarheit schaffen, bringt aber noch mehr Konfusion. Die Corona-Ampel hat mit dem im Straßenverkehr bewährten Verkehrsampeln bestenfalls das Wort gemeinsam. Man kann ja den Österreichern die Verwirrung kaum verübeln – wohl aber ihren eher fahrlässigen Umgang mit der Ansteckungsgefahr. Für die Schweizer ist jedenfalls der Fall klar: Sie haben Wien auf die Quarantäne-Liste gesetzt. Und ich muss nun auf meinen Weiterflug nach Zürich verzichten.
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