Warum noch viele Fragen zur Corona-Impfung offen sind

Vakzin gegen das Coronavirus könnte vielleicht schon heuer vorliegen. Russland prescht als erstes Land vor.
wien Wann es eine funktionierende und sichere Impfung gegen Sars-Cov-2 geben wird, steht in den Sternen. Russland hat zwar am Dienstag als erstes Land der Welt die Zulassung eines Impfstoffs verkündet. Allerdings bestehen erhebliche Zweifel, was die Wirksamkeit und Sicherheit angeht. Insgesamt gibt es an die 170 Corona-Impfstoffprojekte. Nach einer aktuellen Liste der Weltgesundheitsorganisation WHO befinden sich sechs Kandidaten in der entscheidenden dritten Testphase. Sollten sich optimistische Szenarien bestätigen, könnte schon in diesem Jahr ein Durchbruch gelingen. Doch selbst dann sind noch viele Fragen offen. Eine Impfflicht lehnen Bund und Land klar ab.
Deutsches Institut zuversichtlich
Das für die Zulassung von Impfstoffen in Deutschland zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) rechnet damit, dass schon heuer ein Impfstoff vorliegen könnte. „Ich gehe derzeit davon aus, dass es Ende 2020 und Anfang nächsten Jahres Zulassungen geben wird, vorausgesetzt, die Phase-III-Prüfungsdaten sind positiv“, sagte dessen Präsident Klaus Cichutek kürzlich dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides zufolge könnte der erste Impfstoff gegen Covid19 in rund sechs Monaten zur Verfügung stehen.
Sobald es ein wirksames Vakzin gebe, müssten eine Reihe von Fragen geklärt werden, sagt Armin Fidler, Gesundheitsexperte vom MCI Innsbruck. „Wie kann der Impfstoff produziert und verteilt werden? Wie sicher ist er? Wie viele Dosen sind nötig?“ Im Unterschied zu Medikamenten handle es sich um ein biologisches Produkt, das weitaus komplexer und teurer herzustellen sei. Demzufolge könnte es also noch dauern, bis eine ausreichende Menge an Impfstoff für alle Menschen in Österreich zur Verfügung steht. “Dann müsste auf jeden Fall geklärt werden, wer zuerst geimpft wird”, betont Fidler. „Kommt zuerst das Gesundheitspersonal dran? Oder ältere Menschen?“
Ausschließen will er auch nicht, dass gar kein wirksamer Impfstoff gefunden werden könnte. Es sei schon vorgekommen, dass Impfungen nicht den gewünschten Effekt erzielt hätten. „Bei über hundert möglichen Ansätzen weltweit bin ich aber optimistisch, dass sich zumindest eine temporäre Immunität erzeugen lässt – ähnlich wie bei der Grippe.“ Nach Angaben des Gesundheitsexperten sollten etwa zwei Drittel der Gesellschaft immun sein, um eine Herdenimmunität zu erreichen – entweder indem sie eine Covid19-Erkrankung durchgemacht haben oder geimpft wurden.
Es müsste geklärt werden, wer zuerst geimpft wird. Gesundheitspersonal? Ältere Menschen?
Armin Fidler, Public-Health-Experte
Eine Impfpflicht hält Fidler für schwierig durchsetzbar, da es sich um einen Eingriff in die persönliche Freiheit handle. Er verweist auf das Beispiel USA, wo nicht mit einer Pflicht, sondern mit Anreizen gearbeitet werde. So gelte in einigen Bundesstaaten die Vorgabe, dass Kinder, die gegen bestimmte Krankheiten nicht geimpft sind, auch nicht zur Schule gehen dürfen, sondern zu Hause unterrichtet werden müssen. „Die Durchimpfungsrate ist höher als bei uns.“
Keine Pflicht
Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) haben sich bereits gegen eine verpflichtende Impfung ausgesprochen. Sie wollen lieber auf Freiwilligkeit setzen. Ähnlich sieht das Vorarlbergs Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher (ÖVP). „Eine Pflicht wird es fix nicht geben“, betont sie. Eine Ausnahme kann sie sich nur für jene Menschen vorstellen, die in einem sensiblen Beruf arbeiten, beispielsweise in Pflegeheimen oder in Krankenhäusern. „Aber das ist auch bei anderen Impfungen schon der Fall.“
Erster Impfstoff in Russland zugelassen
Der russische Präsident Wladimir Putin hat am Dienstag die weltweit erste staatliche Zulassung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus bekannt gegeben. „Das russische Vakzin gegen das Coronavirus ist effektiv und bildet eine beständige Immunität“, sagte Putin. Eine seiner beiden Töchter habe sich schon impfen lassen. Der Impfstoff wurde vom staatlichen Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelt. Erst wenige Menschen haben ihn im Rahmen einer Studie erhalten. Eine Zulassung vor dem Vorliegen der Ergebnisse großer klinischer Studien widerspricht dem international üblichen Vorgehen. So stellte die WHO im Vorfeld klar: „Jeder Impfstoff muss natürlich alle Versuchsreihen und Tests durchlaufen, bevor er genehmigt und ausgeliefert wird.“ Es gebe klare Richtlinien für die Entwicklung von Impfstoffen. Laut Gesundheitsminister Michael Muraschko sollen zuerst Lehrer und Ärzte geimpft werden. Den Behörden zufolge beginnt die Impfung im August oder September.