Täglich ein Betretungsverbot

Politik / 06.08.2020 • 19:00 Uhr
Täglich ein Betretungsverbot
Gibt es keinen Ausweg, finden gewaltbetroffene Frauen mit ihren Kindern Schutz und Sicherheit in der ifs-Frauennotwohnung. DPA

Um 40 Prozent mehr häusliche Gewalt. Kein Regelbetrieb für zusätzliche Frauennotwohnungen.

Rankweil Die Befürchtungen wurden wahr. In Vorarlberg hat die häusliche Gewalt seit Beginn der coronabedingten Ausgangssperre deutlich zugenommen. 154 Mal musste die Polizei in den 137 Tagen von 16. März bis 31. Juli ein Betretungs- oder Annäherungsverbot aussprechen. Das ist deutlich häufiger als im Jahr zuvor. Die Steigerung liege bei 40 Prozent, berichtet Ulrike Furtenbach, Leiterin der Gewaltschutzstelle des Instituts für Sozialdienste (ifs). Wenn Betretungs- und Annäherungsverbote ausgesprochen werden, droht die Situation in den eigenen vier Wänden zu eskalieren – oder sie ist längst eskaliert. Nur die Polizei kann solche Verbote erlassen. Voraussetzung ist die Annahme, dass ein gefährlicher Angriff auf Leben, Gesundheit oder Freiheit bevorsteht. In Vorarlberg bestand diese Gefahr aus Sicht der Beamten seit 16. März mehr als ein Mal pro Tag. Das ausgesprochene Betretungs- und Annäherungsverbot ist auf zwei Wochen befristet und kann auf längstens vier Wochen ausgedehnt werden.

Gut gerüstet

„Wir haben damit gerechnet, dass die Gewalt mit dem Lockdown relativ schnell zunehmen wird“, berichtet Gewaltschutzstellen-Leiterin Furtenbach. „Daher haben wir uns sofort gerüstet. Die Steigerung hat sich dann erst langsam entwickelt.“ Mittlerweile sei sie eklatant. Die Opfer häuslicher Gewalt sind in der Regel zu 90 Prozent weiblich. 95 Prozent der Gewalttäter sind Männer.

Gibt es keinen Ausweg, finden gewaltbetroffene Frauen mit ihren Kindern Schutz und Sicherheit in der ifs-Frauennotwohnung. Zu Beginn der Krise stockte Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker (Grüne) die Plätze um vier Wohnungen auf. Mit Ende September werden diese wieder zurückgegeben. „Sie werden nicht in den Regelbetrieb übernommen“, berichtet die Leiterin der Frauennotwohnung, Anja Natter. Derzeit würden acht Frauen mit ihren zehn Kindern von ihren Mitarbeiterinnen begleitet. Von den regulären Plätzen sind derzeit sechs frei, das heißt für sechs Frauen mit ihren Kindern. Die vom Land zusätzlich gestellten Wohnungen sind nicht mehr besetzt und würden nach aktuellem Stand auch nicht nachbesetzt.

Während der Ausgangsbeschränkung sei es für die Frauen nicht immer einfach gewesen. „Viele leben auf engem Raum, kennen sich nicht so gut und müssen sich gegenseitig Vertrauen schenken, dass sich alle an die Coronaregeln halten und sich so gegenseitig schützen“, erklärt Natter. Mittlerweile habe sich das aber sehr gut entwickelt.

Präventiv handeln

„In der Gewaltschutzstelle haben wir während der Ausgangsbeschränkungen bei den Beratungen auf Videokonferenzen zurückgegriffen. Das ist in manchen Situationen für Betroffene sogar entlastend“, berichtet Leiterin Furtenbach. Nun seien persönliche Treffen wieder wie vor Coronazeiten möglich.

Die meisten Betroffenen würden sich erst an die ifs-Gewaltschutzstelle wenden, wenn es schon Gewaltvorfälle gab, berichtet Furtenbach. Sie appelliert, sich auch dann zu melden, wenn nur Befürchtungen bestünden: „Es wäre ganz wichtig, präventiv zu handeln.“ Die ifs-Beraterinnen würden dann über Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen informieren. „In der konkreten Gewaltsituation ist es wichtig, Abstand zu gewinnen, wenn das noch möglich ist. Der größte Schutz in so einer Situation ist aber, die Polizei zu verständigen.“