Darum muss die australische Entwicklung kein Vorbote für Österreich sein

Experte sieht verfrühte Lockerungen als Hauptproblem, nicht die kühleren Temperaturen.
Melbourne Die Coronalage schien in Australien eigentlich stabil. Die dortige Regierung hatte zu Beginn der Pandemie strikte Maßnahmen ergriffen. Nun steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder an. Besonders betroffen ist der australische Bundesstaat Victoria, und dort vor allem Melbourne. Die Regierung Victorias sah sich sogar dazu gezwungen, den Katastrophenzustand auszurufen.
Strenge Maßnahmen
In der zweitgrößten Stadt Australiens herrscht nun eine strenge Ausgangssperre zwischen 20 und fünf Uhr. Wer sporteln will, kann außerhalb dieser Zeiten noch ins Freie, aber maximal für eine Stunde pro Tag. Außerdem sind die Einwohner Melbournes dazu angehalten, sich nicht mehr als fünf Kilometer von ihrem Wohnort zu entfernen. Ab Mittwoch müssen zudem die meisten Geschäfte, Pubs und Hotels schließen.
In dem Bundesstaat wurden am Montag 429 Neuinfektionen gemeldet. Es gibt insgesamt etwa 6500 aktive Corona-Fälle. Victoria hat rund 6,6 Millionen Einwohner. Es ist gerade Winter. Könnte die dortige Entwicklung also Vorbote dessen sein, was Österreich im Herbst und Winter droht?
Nicht zwingend, sagt der Gesundheitsexperte Armin Fidler vom MCI Innsbruck. „Dass bei uns im Winter Infektionen tendenziell zunehmen, liegt nicht an der Kälte per se, sondern an der Tatsache, dass die Menschen sich eher drinnen als draußen aufhalten, und dort trockenere Luft zirkuliert.“ Zwar würden immer wieder Vermutungen angestellt, wie sich die klimatische Situation auf die Übertragung des Coronavirus auswirkt. Doch gerade das Beispiel Brasilien zeige, dass es auch unter sehr heißen Bedingungen zu vielen Infektionen kommen könne. Und auch in Melbourne seien die klimatischen Bedingungen derzeit sehr ähnlich wie in Bregenz – obwohl dort schon Winter ist.
Belastung erwartet
Die starke Zunahme der Neuinfektionen erklärt sich der Mediziner vielmehr mit unüberlegten und verfrühten Lockerungen – einem Phänomen, das man derzeit auch in Israel beobachten könne. „Wir dürfen nie vergessen, wie schnell die Situation wieder aus dem Ruder laufen kann.“
Wir dürfen nie vergessen, wie schnell die Situation wieder aus dem Ruder laufen kann.
Armin Fidler, Public Health-Experte
Dass Österreich im Zwei-Wochen-Rhythmus vorgehe, sei vor diesem Hintergrund sicher die richtige Entscheidung gewesen. Trotzdem glaubt Fidler, dass die kommenden Monate nicht einfach werden. Jede Grippe, jede Erkältung könne mit Covid19 verwechselt werden. „Das wird eine massive Belastung für das Gesundheitssystem. Wir müssen sicherstellen, dass es ausreichend Testungen gibt. Insbesondere in Kindergärten und Schulen wird die Situation herausfordernd“, ist der Experte überzeugt. „Herbst und Winter werden uns auf eine schwere Probe stellen.“
Aktuell ist die Zahl der Neuinfektionen in Österreich im zweistelligen Bereich. Laut Innenministerium waren es von Sonntag auf Montag 81, die meisten davon in Wien.