Keine Kooperation mit der Berliner Charité

Politik / 30.07.2020 • 10:00 Uhr
Keine Kooperation mit der Berliner Charité
Führen bestimmte Medikamente zu mehr Komplikationen bei positiv Getesteten? Zu solchen Fragen erhofften sich die Wissenschaftler Erkenntnisse. AFP

Gesundheitsressort hielt wissenschaftliche Zusammenarbeit in der Covid19-Krise für unmöglich.

wien, berlin Die an der renommierten Berliner Charité forschende Professorin Sylvia Thun formulierte am 23. März eine Anfrage an das österreichische Gesundheitsministerium. Thun, Ärztin und Expertin für biomedizinische Technik und Digitalisierung, wollte wissen, ob man im Kampf gegen Covid19 wissenschaftlich kooperieren könnte. Doch das Ansinnen blieb monatelang unbeantwortet. Das zeigt eine Anfragebeantwortung durch Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). Der Neos-Nationalratsabgeordnete Gerald Loacker, der die parlamentarische Anfrage gestellt hat, ist empört. „Man müsste an einer Zusammenarbeit mit einer der führenden europäischen Kliniken zumindest interessiert sein.“ Diese verspreche nämlich wichtige Erkenntnisse über Covid19, die in Österreich noch immer dringend fehlen würden.

“Gewaltiger Nutzen”

Konkret geht es bei der Charité-Anfrage um Folgendes: Österreich habe mit der elektronischen Krankenakte (ELGA), dem Epidemiologischen Meldesystem (EMS) und der Heilmittelabrechnung (HEMA) „überragende Systeme, welche der Weltöffentlichkeit in der Pandemiekrise gewaltigen Nutzen bringen könnten”, schreibt die Wissenschaftlerin. Ließen sich die Daten aus dem EMS und der eMedikation der ELGA mit der HEMA verknüpfen, entstehe ein wertvoller Bestand. Dadurch könnten mehrere Forschungsfragen beantwortet werden. So ist unter anderem von Interesse, ob es unter den Erkrankten Personen gibt, die den Wirkstoff Chloroquin einnehmen, ob Arzneimittel existieren, die dazu führen, dass weniger Komplikationen im Krankheitsverlauf auftreten oder ob bestimmte bestehende Erkrankungen eine schlechte Überlebensprognose mit sich bringen. “Würden Sie die vorhandenen Daten in den Registern zusammenführen und der Wissenschaft zur Verfügung stellen?”, fragt die Forscherin. „Die Analyse der datenschutzkonform aufbereiteten Daten könnte viele Leben retten.

Neue Plattform

Eine Bereitstellung sei aus rechtlichen und sachlichen Gründen nicht möglich, meint Gesundheitsminister Anschober. Was ELGA angeht, hält er fest, dass keine klinischen und sozioökonomischen Daten der Patienten enthalten seien. Mit Ausnahme der eMedikation sei es technisch unmöglich, Datenabzüge zu Forschungszwecken herzustellen und weiterzugeben. Mit der Antwort habe das Ministerium abgewartet, um zunächst weitere Möglichkeiten zu prüfen. Ohne Wirkung blieb das Schreiben jedenfalls nicht: Es habe zu Diskussionen über die Frage geführt, wie man Forschende zukünftig besser mit Daten versorgen kann. Seit Ende Mai gebe es deshalb eine Covid19-Datenplattform bei der Gesundheit Österreich GmbH.

Was die Datenqualität angeht, ist Österreich auf dem Stand von März 2020.

Gerald Loacker, Nationalratsabgeordneter Neos

Nur EMS-Daten

Loacker lässt das nicht gelten. “Was die Datenqualität angeht, ist Österreich auf dem Stand von März 2020”, meint er. Die neue Forschungsplattform enthalte nur die Daten aus dem EMS, dem Epidemiologischen Meldesystem. „Ein Arzt oder ein Spital muss dem EMS einen positiven Fall melden. Doch selbst wenn das ein Mediziner möchte, kann er nicht dazuschreiben, ob der Patient etwa eine Vorerkrankung am Herzen hat oder bestimmte Medikamente nimmt.“ Verbesserungsschritte im System ließen auf sich warten. „Diesbezüglich sind in den letzten vier Monaten keine Maßnahmen gesetzt worden.“