Wir alle sind „Risikogruppe“
Immer die Alten, Vorerkrankten, Schwachen, wegen derer wir uns zurückhalten und die lästige Maske tragen müssen, noch dazu im Hochsommer – ich muss mich als gesunder, jüngerer Mensch ohnehin nicht so vor Covid-19 fürchten: Diese nicht nur menschlich fragwürdige Haltung hat sich spätestens nach dem Lockdown bei immer mehr Menschen verfestigt. Die Toleranz und das Mitgefühl für andere, die in der Pandemie mit noch mehr Einschränkungen leben, sind müde geworden.
Auch, weil viele die Gefährlichkeit des Virus leider nach wie vor unterschätzen (wollen). Günther Mayr, ORF-Wissenschafts-Journalist und Corona-Erklärer, hat die Gefahr vergangene Woche in der ZiB1 anschaulich analysiert. Ein Viertel der an Covid-19 Verstorbenen waren laut einer neuen Studie aus Italien ohne jede Vorerkrankungen, junge, gesunde Menschen, mit unterschiedlichsten Symptomen. Die Krankheit sei wie ein Chamäleon. Sie sei noch immer schwer begreifbar und damit auch schwierig zu bekämpfen, sagen Ärzte.
Corona ist eben kein alleiniges Problem der sogenannten „Risikogruppen“, sondern unser gemeinsames Problem. Natürlich muss man die stärker gefährdeten Menschen durch Achtsamkeit so gut wie möglich schützen – dennoch tragen alle ein Risiko, auch die Jungen, Leistungsstarken, vermeintlich Unbesiegbaren. Viele Menschen werden nach einer Infektion wieder fit, doch selbst wenn der Krankheitserreger gebannt ist, kann das Virus im Körper eine Spur der Verwüstung hinterlassen.
Unbesiegbar? Sicher nicht
Das zeigt sich jetzt schon bei der Erforschung der Langzeitfolgen von Covid-19. Das Virus kann – auch wenn wohl nur bei einem kleinen Anteil der Erkrankten – zu langfristigen oder dauerhaften Schäden führen, an Lunge, Herz, Nervensystem oder anderen Organen. Diese beunruhigende Erkenntnis sollte man bitteschön einfach zur Kenntnis nehmen.
Und akzeptieren, dass die eigene Unbesiegbarkeit kein Kriterium ist, auf das man zählen kann.
Sich um die eigenen Eltern oder Großeltern zu sorgen, ist ehrlicherweise noch keine große Leistung.
Ein allgemein stärker ausgeprägtes Risikobewusstsein schützt die Gesellschaft nicht nur besser vor der Seuche, sondern auch davor, sich in einzelne Gruppen auseinanderdividieren zu lassen, etwa Jung gegen Alt. Und jene Menschen, die man gerne unter „Risikogruppe“ schön weit vom persönlichen Leben wegrücken möchte, die Alten, die Kranken, die mit Handicaps, nicht an den Rand zu drängen. Sich um die eigenen Eltern oder Großeltern zu sorgen, ist ehrlicherweise noch keine große Leistung.
Wir alle sind „Risikogruppe“ – und deswegen kann man mit dieser Haltung eine Ausnahmesituation voller Ungewissheiten auch dann besser bewältigen, wenn man über unterschiedliche Lebenssituationen hinweg zusammenhält. So gut wie eben möglich.
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