„Bauern und Tierschützer stehen auf einer Seite“

Thomas Waitz, Mitglied des EU-Tiertransporte-U-Ausschusses und Biobauer hofft auf ein Ende des Preiskampfs und mehr Gewicht für regionale und Weideschlachtung.
Wien Das EU-Parlament will es jetzt selbst in die Hand nehmen. Der nun eingerichtete Untersuchungsausschuss zu Tiertransporten soll nicht nur Missstände aufzeigen, sondern auch zu strengeren Regeln führen, sagt Biobauer Thomas Waitz (Grüne), der zu den Vollmitgliedern im U-Ausschuss zählt. Der EU-Mandatar hofft auf eine Begrenzung der Langstreckentransporte auf acht Stunden und ein Ende des Preiskampfes. „Bauern und Tierschützer stehen hier auf einer Seite.“ Es brauche mehr regionale und kleinere Schlachthöfe und für diese flexiblere Hygieneregeln als für die industriellen Großbetriebe. Eine Herkunftsbezeichnung für Speisen in der Gastronomie wäre laut Waitz wichtig, schon aus Gründen der Transparenz: „Mir kann niemand erzählen, dass die Gäste das holländische Schnitzel aus dem Großschlachthof wählen, nur weil es um 50 Cent billiger ist.“ Zu den in Vorarlberg gesetzten Maßnahmen gegen Kälbertransporte sagt Waitz, sie seien ein guter Anfang.
Im EU-Parlament wird ein Tiertransporte-Untersuchungsausschuss eingesetzt. Kann dieser verhindern, dass ein Vorarlberger Kalb bis in den Libanon gekarrt wird?
Das ist das Ziel. Wir werden prüfen, ob bestehende Regeln in Europa eingehalten werden. Außerdem wollen wir die EU-Kommission dazu bewegen, einen neuen Vorschlag zur Tiertransportverordnung vorzulegen. Wir brauchen klare Regeln, die keine unterschiedliche Rechtsauffassung mehr zulassen.
Werden Sie auch die Transporte direkt kontrollieren?
Wir Grünen werden sicher viel unterwegs sein für Kontrollen von Lkw, Schlachthöfen und Schiffsladungen. Natürlich unangekündigt. Das tun wir nicht nur im Interesse der Tiere, sondern auch im Interesse jener Landwirte und Spediteure, die sich an die Regeln halten, dann aber dem Preisdruck kaum standhalten können, weil andere Gesetze brechen. Was beim Tiertransportgipfel in Wien deutlich wurde: Bauern und Tierschützer stehen hier auf einer Seite.
Wo gibt es Auffassungsunterschiede?
Es gibt unterschiedliche Regeln für unterschiedliche Tiere. In Österreich gibt es das Gebot, dass Tiertransporte nicht länger als 4,5 Stunden dauern dürfen. Das wird nicht eingehalten. Acht Stunden sind eher die Regel und werden geduldet. Wir hätten schon viel erreicht, wenn wir die Langstreckentransporte europaweit auf acht Stunden begrenzen. Kühe können aktuell 22 Stunden herumgekarrt werden. Bei den Bestimmungsorten wird oft getrickst. Tierschutzstandards werden nicht eingehalten und Tierärzte nicht selten unter Druck gesetzt. Die Tiere werden bei den Pausen häufig nicht einmal entladen, Hauptsache der Fahrtenschreiber passt.
Wie häufig werden die Regeln gebrochen?
Zu oft, aber da ein engmaschiges Netz an Kontrollen fehlt, haben wir leider keine konkreten Zahlen. Ein Beispiel: Wir haben einmal in der Steiermark Tiertransporter kontrolliert. Vier davon hatten Tiere geladen. Aber nur einer arbeitete regelkonform. Bei einem fehlten zahlreiche Papiere, einer hatte einen schrottreifen Lkw, der nur noch einseitig bremsen konnten. Und bei einem waren die Tiere eingeklemmt und verletzt. Sowas gibt es regelmäßig. Das Schlimme ist: Die Missstände außerhalb Österreichs sind noch viel größer.
Was wäre der Idealzustand?
Der Idealzustand wäre, wenn wir keine Langstreckentransporte mehr brauchen, die Tiere dort schlachten, wo sie gelebt haben und das Fleisch dann bei Bedarf durch die Gegend geführt wird. Aber schon alleine eine maximale Transportzeit von acht Stunden würde vieles bewegen. Dann würden nämlich die großen industriellen Komplexe und Schlachthöfe nicht mehr funktionieren, wohin die Tiere zusammengepfercht aus tausenden Kilometer Entfernung kommen. Von dort gehen auch riesige Gesundheitsprobleme aus. Stichwort: Multiresistente Keime durch die Nutzung von Antibiotika. Am allerbesten wäre aber eine Weideschlachtung direkt beim Betrieb. Da bekommt man auch die beste Fleischqualität. Wir brauchen regionale, kleinere, überschaubare Schlachthöfe. Wir müssen raus aus dem Preiskampf. Wer jetzt argumentiert, dass sich ärmere Haushalte dann kein Fleisch mehr leisten können, dem sage ich: Dann gehen wir mit der Mindestsicherung hoch. Wir dürfen keine Sozialpolitik auf dem Rücken der Tiere, der Umwelt, des Klimas und der Menschen, die in den Schlachthöfen arbeiten, machen.
Ist eine weitere Liberalisierung der Weideschlachtung nötig?
Das eigentliche Problem ist, dass für einen kleinen bäuerlichen Schlachthof die gleichen Hygieneregeln gelten wie für einen Großschlachthof. Was bei großen Schlachthöfen unbedingt notwendig ist, könnte bei kleinen Betrieben flexibler gestaltet werden. Strikte Hygieneregeln sind aber wichtig, auch, dass nur qualifiziertes Personal schlachten darf und jeder Schlachtraum EU-zertifiziert sein muss.
Brauchen wir Herkunftsbezeichnungen für verarbeitete Lebensmittel?
Unbedingt! Auch in der öffentlichen Versorgung. Das steht im Programm der Bundesregierung. Ich habe bis zum Schluss versucht, auch eine Herkunftsbezeichnung für Speisen in der Gastronomie rein zu verhandeln. Das scheiterte aber am Widerstand der Wirtschaftskammer. Das ist absurd. Es macht keinen großen Unterschied, ob ich als Gastronom für ein Kilo Schnitzelfleisch fünf oder sieben Euro bezahle. Dann kostet das Schnitzel eben 50 Cent mehr, kommt aber aus der Region. Mir kann niemand erzählen, dass die Gäste das holländische Schnitzel aus dem Großschlachthof wählen, nur weil es um 50 Cent billiger ist.
In Vorarlberg wurden 18 Punkte präsentiert, die die Zahl der Kälbertransporte verringern sollen. Dazu zählen Initiativen wie „Vorarlberg am Teller“, Werbeaktionen für regionales Kalbfleisch, eine Mutterkuhprämie, etc. Ist Vorarlberg auf dem richtigen Weg?
Die gesetzten Schritte sind richtig. Das Problem wird erkannt und man versucht Lösungen zu finden. Es ist ein guter Anfang.
Der Grüne Klubobmann in Vorarlberg, Daniel Zadra, ginge deutlich weiter. Er schlug etwa vor, dass die Vorarlberg Milch nur noch Milchlieferverträge mit jenen Betrieben abschließt, die auf Kälbertransporte verzichten.
Wenn Daniel Zadra diese Forderungen erhebt, ist das gut und richtig. Wichtig wäre auch, die Förderpolitik anders zu gestalten, zum Beispiel, dass Bauern mit Zweinutzungsrassen, die Fleisch und Milch geben, Vorrang haben. Dann werden Kälber nicht zu Abfallprodukten. Und was noch notwendig ist: mehr Information. Die Leute müssen wissen, dass hinter hellem und weißem Kalbfleisch pure Tierquälerei steckt. Bei Kälbern, die gesund gehalten werden, ist das Fleisch rot.