Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Sprichwörtlicher Unfug

Politik / 12.06.2020 • 08:30 Uhr

Die Engländer lieben ihre geistreichen Redewendungen – nur vergessen sie bisweilen, die in ihnen enthaltene Botschaft zu befolgen. So beispielsweise diese: „To close the stable door after the horse has bolted” (Die Stalltür schließen, nachdem das Pferd durchgegangen ist), will heißen: ein Problem lösen, wenn es schon zu spät dafür ist. Die Sentenz erinnert an traditionelles englisches Landleben, man denkt an Fuchsjagden und Landgüter wie „Downton Abbey“ aus der gleichnamigen Fernsehserie – in diesem Fall aber handelt es sich um die neueste Covid19-Maßnahme der britischen Regierung, die am Montag (unter heftigem Protest der Fluglinien) eine zweiwöchige Quarantäne für sämtliche auf den britischen Inseln ankommenden Passagiere angeordnet hat, zu Wasser, zu Land (via Channel-Tunnel) und in der Luft. Zu spät, viel zu spät, wie überhaupt alles was diese Regierung in Sachen Covid 19 getan hat. Und unsinnig: die meisten anderen Länder verzeichnen eine teils deutlich niedrigere Ansteckungsrate als Großbritannien.

Eine graduelle Wiederöffnung aller Schulen war geplant – und wurde soeben vom Unterrichtsminister Williamson wieder rückgängig gemacht. Der „Leader“ des Unterhauses, der exzentrische Aristokrat Jacob Rees-Mogg, hat vorgeschlagen, den störrischen Engländern das Social Distancing schmackhaft zu machen, indem man einfach die vorgeschriebene Distanz von Mensch zu Mensch statt in Metern in traditionellen „Feet and Inches“ angibt. Der „Economist“ hat per Umfrage ermittelt, wie viele Engländer dem Politik-Berater von Premier Johnson, Dominic Cummings, die abenteuerliche Begründung für seinen im Lockdown gesetzeswidrigen Ausflug zu einer abgelegenen Sehenswürdigkeit als „Sehtest“ abnehmen – acht Prozent, und dies entspreche ziemlich genau jenem Teil der Bevölkerung, der daran festhalte, dass die Erde flach sei.

Die britische Regierung erinnert an eine Schar kopfloser Hühner.

Die Regierung erinnert mit ihrem ständigen Hin und Her an Schar kopfloser Hühner, die orientierungslos über einen Hof irrt, die sie beratenden Wissenschafter schlagen resigniert die Hände über dem Kopf zusammen, während die Zahl der britischen Corona-Todesopfer weiterhin unerbittlich ansteigt; mit 50.000 (oder, je nach Zählung, 63.000) Toten hat das Vereinigte Königreich längst den traurigen Rekord sämtlicher Nationen mit Ausnahme der USA überboten und ist nun weltweit Nummer zwei. Die nur teilweise friedlichen Proteste unter dem Zeichen „Black Lives Matter“ in britischen Städten drohen die Covid-Ansteckungsquote erneut in die Höhe schnellen zu lassen. Österreich – beneidenswert vernünftig, konsequent und erfolgreich in Sachen Covid19 – belegt Großbritannien mit der höchsten Reisewarnungs-Stufe Nummer sechs; vor Reisen ins Vereinigte Königreich warnt das österreichische Außenministerium und seit 17. März besteht keine Landeerlaubnis für Flugzeuge aus Großbritannien. Eine demütigende Quittung für Boris Johnson und seine Mannschaft. Bereits wird über die Suche nach einem Nachfolger an der Spitze der Tories gemunkelt.