Virus verschwindet nicht ganz

Politik / 24.05.2020 • 20:00 Uhr
Virus verschwindet nicht ganz
Die meisten bestätigten Neuinfektionen konzentrieren sich auf zwei Verteilzentren der Post und ein Flüchtlingsheim in Wien und Niederösterreich. APA

Ausbreitung zuletzt eher in Wien und Niederösterreich, aber auch das gebremst.

WIEN Von einer „Causa Wien“ könne nicht gesprochen werden, betont Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne): Abgesehen davon, dass es auch in Niederösterreich Neuinfektionen gebe, würden die zuständigen Behörden hervorragend zusammenarbeiten und die richtigen Schritte setzen. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) bezweifelt das und bietet der Bundeshauptstadt seine Hilfe an: Polizeibeamte sollten an der Suche von Kontaktpersonen mitwirken beziehungsweise als „Wellenbrecher“ einschreiten und potenzielle Infektionsketten frühzeitig unterbrechen.

Wien fällt wirklich auf: Die meisten neuen Fälle werden seit Wochen aus der Bundeshauptstadt gemeldet. Das ist jedoch relativ: Pro 100.000 Einwohner hält sie – Stand Ende vergangener Woche – 158. Zum Vergleich: Tirol liegt bei 466, gefolgt von Vorarlberg mit 225 und Salzburg mit 218. In Niederösterreich handelt es sich um 167. Glückliches Schlusslicht ist Kärnten mit gerade einmal 73. „Es ist eher ein Wunder, dass es in der Großstadt bisher so wenige Fälle gegeben hat“, sagt der Gesundheitsexperte Thomas Czypionka vom „Institut für Höhere Studien“ (IHS) zur Entwicklung in Wien: „Das ist untypisch.“

Andererseits ist die jüngste Entwicklung gewissermaßen Teil der neuen Normalität: Überall ist es gelungen, die Ausbreitung von Covid19 stark abzubremsen, ja beinahe zum Erliegen zu bringen. Das Virus wird sich jedoch nie ganz aus der Welt schaffen lassen – vor allem, nachdem die Beschränkungen gelockert worden sind.

Virus verschwindet nicht ganz

Glück im Unglück für Wien, aber auch Niederösterreich ist, dass die meisten bestätigten Infektionen dort auf sogenannte Cluster zurückzuführen sind, also zusammenhängen. Sie konzentrieren sich auf zwei Post-Verteilzentren und ein Flüchtlingsheim: „Es wird immer wieder kleinere Ausbrüche geben“, analysiert Czypionka: „Wichtig ist, dass sie unter Kontrolle bleiben und Kontakte nachverfolgt werden. Das ist unsere stärkste Waffe.“

Im Fall von Ischgl war das letztlich schwer bis unmöglich: Viele Menschen verteilten das Virus hier zunächst im Gedränge bei der Seilbahn oder in einer Après-Ski-Bar, um es später in alle Welt mit nach Hause zu nehmen und dort wiederum weiter zu verbreiten. Ein Ergebnis davon ist, dass nicht nur in Tirol insgesamt eine extrem hohe Infektionsrate zustande gekommen ist, sondern ganz besonders im Bezirk Landeck, zu dem Ischgl gehört: Sie beträgt hier 2235 pro 100.000 Einwohner und ist damit zehn Mal höher als in Vorarlberg. Andererseits aber steigt sie praktisch nicht mehr.

„Wir sind in einer Phase, in der wenige Fälle gleich auffallen“, erklärt Czypionka im Gespräch mit den VN: Zu Spitzenzeiten im März sind in Vorarlberg 50, 60 pro Tag bestätigt worden. Wenn überhaupt, handelt es sich nun schon seit Wochen nur noch um einen Bruchteil davon.