Kanzler Sebastian Kurz: Grenzkontrollen und Causa Ischgl

Nicht ein einzelner Ort könne für die Verbreitung von Covid19 verantwortlich gemacht werden.
Schwarzach In einem Monat gehören die strengen Grenzkontrollen im Vier-Länder-Eck Vorarlberg, Deutschland, Schweiz und Liechtenstein der Vergangenheit an. „Die Grenzen werden am 15. Juni gänzlich öffnen“, kündigt Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) bei seinem Besuch in der VN-Redaktion an. Einschränkungen soll es keine geben. Bleiben die Infektionszahlen auf einem niedrigen Niveau, stehe dem Abbau der Schlagbäume nichts mehr im Weg. „Besonders wichtig war es, die Grenzen zu Deutschland zu öffnen, aber gerade für den Westen Österreichs sind Liechtenstein und die Schweiz sehr relevant.“
Viele Gäste aus Deutschland
Die Grenzkontrollen stellen vor allem den heimischen Tourismus vor eine existenzgefährdende Situation. In Vorarlberg kommen 54 Prozent der Gäste aus Deutschland. Der Schweizer Anteil macht zwölf Prozent aus, jener der Österreicher 18,3 Prozent. Im April hatte der Kanzler noch betont, dass eine Rückkehr zur Reisefreiheit ohne Impfstoff nicht möglich wäre. Daran habe sich auch nichts geändert, erläutert Kurz. „Die Österreicher waren es gewohnt, in alle Länder der Welt de facto uneingeschränkt reisen zu können. Das ist nicht der Fall und das wird auch in absehbarer Zeit nicht möglich sein.“
Ob sich ein Sommerurlaub am Meer unter diesen Vorzeichen ausgehen wird, bleibt also abzuwarten. Zumindest ein Trip nach Frankreich rückt für die Vorarlberger in greifbare Nähe. Denn auch dort sollen die Grenzen zur Schweiz und Deutschland am 15. Juni öffnen. Eine Perspektive für das Lieblingsurlaubsland der Vorarlberger, Italien, gibt es derzeit hingegen nicht, betont der Kanzler. Neben der Sicherheit müsse man sich auch mit der Frage auseinandersetzen, mit wem man im Zielgebiet potenziell zusammentreffen könne, also aus welchen Staaten andere Urlauber kämen. „Österreich wird sehr behutsam vorgehen und seine Grenzen nur für Länder öffnen, die die Situation unter Kontrolle haben. Das schützt uns, aber auch unsere Gäste.“
Dass Vorarlberg im Fall einer zweiten Welle einen anderen Weg wählen könnte als das weit entfernte Burgenland, ist Kurz zufolge möglich. „Wenn es zu neuen Herausforderungen kommt, dann ist es wichtig, diese regional treffsicher zu behandeln“, betont er. Die Entwicklung der Coronazahlen in Österreich sei derzeit unterschiedlich. Vorarlberg zähle zu jenen Bundesländern, die seit Tagen kaum mehr Neuinfektionen melden müssen. Schon früh habe man hier wirksam neue Fälle und deren Kontaktpersonen identifiziert und isoliert. „Das ist ein Hauptgrund für den Erfolg.“
Diskussionen über Ischgl
Ob die deutschen Urlauber ab 15. Juni trotz erfreulicher Coronazahlen wieder in gewohnter Zahl nach Österreich kommen, bleibt abzuwarten. Die Causa Ischgl hat im Nachbarland für Diskussionen gesorgt. Zahlreiche deutsche Touristen dürften sich im Tiroler Skiort mit dem Coronavirus angesteckt und zur Verbreitung in ihren Heimatländern beigetragen haben. Auch innerhalb Österreichs war Ischgl ein wichtiger Faktor, wie Epidemiologen der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) Anfang April nachgewiesen haben. Die Experten zeigten in einer Studie, dass Covid19 zwar nicht nur von Tirol aus grassierte, aber dennoch ein beträchtlicher Teil der Infizierten auf Ischgl zurückgeführt werden kann, darunter auch viele positiv Getestete aus Vorarlberg.
Gegen Schuldzuweisungen
„Wenn es Fehler gab, sollen sie aufgeklärt werden“, sagt Kurz. Von einem sogenannten Blame Game (Schuldzuweisungen) halte er aber nichts. „Wir wissen, dass es nicht ein einzelner Ort war, von dem aus sich die Pandemie über die ganze Welt verbreitet hat.“ Das treffe auf viele zu, insbesondere Tourismusgebiete. Fakt sei, dass Österreich schnell reagiert habe. „Als wir einen Lockdown eingeleitet haben, fanden anderswo noch Wahlen statt.“
Das Gespräch führten Gerold Riedmann und Magdalena Raos.