Im Blindflug durch die Coronakrise

Politik / 23.04.2020 • 08:35 Uhr
Im Blindflug durch die Coronakrise
Experten empfehlen, anlassbezogener, schneller und treffsicherer zu testen. APA

Zur Orientierung sind offizielle Daten mit Vorsicht zu genießen: Sie werden jedoch besser.

WIEN Die offizielle Zahl der Covid19-Fälle entspricht nicht der wirklichen, zu den Todesfällen gibt es zwei verschiedene Angaben: Vertrauenserweckend wirkt das, was ausgewiesen wird, nicht. Die Opposition geht daher zunehmend härter ins Gericht mit der Regierung. Im März sei ihr nichts anderes übrig geblieben, als einen Blindflug zu starten, sagt Neos-Gesundheitssprecher Gerald Loacker: Die Bundesregierung habe die Zeit seither jedoch nicht genützt, nötiges Datenmaterial zu beschaffen, um zu einer vernünftigen Entscheidungsgrundlage für die nächsten Schritte zu kommen. So sei über schwere Erkrankungsfälle vieles unbekannt.

Eine Panne musste Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) eingestehen: Bis 1. April gab es offiziell 55.863 Covid19-Testungen österreichweit, am Tag darauf waren es 92.190. Anschober erklärte den Sprung mit zunächst fehlenden Meldungen kleinerer Labors. Immerhin hat man jedoch entdeckt, dass mehr getestet wird als bisher angenommen.

Zwei Zahlen im Umlauf

Die meisten Daten werden über das Epidemiologische Meldesystem (EMS) erfasst. Laut IHS-Gesundheitsökonom Thomas Czypionka ist es nie und nimmer für die gegenwärtigen Dimensionen geschaffen worden: „Das ist eine Erklärung für die Probleme.“ Man habe jedoch reagiert: „Die Zahlen werden immer besser.“

Handlungsbedarf bleibt. Czypionka ist an einer internationalen Untersuchung von Covid19-Sterbefall-Statistiken beteiligt. Sie seien mit Vorsicht zu genießen. Auch in Österreich sind zwei Zahlen im Umlauf: Alle Personen, die mit dem Virus verstorben sind; und alle, die allein an dem Virus verstorben sind. Die eine Zahl ist höher, die andere niedriger. Davon, auf welche man sich bezieht, hängt jedoch ab, wie gefährlich die Pandemie eingestuft wird.

Auch der Sozialforscher Christoph Hofinger hat sich mit Corona-Daten beschäftigt. Für die Zukunft empfiehlt er, anlassbezogener, schneller und treffsicherer zu testen. Das ist wichtig, um eine Ausbreitung des Virus möglichst früh unterbinden und einen bundesweiten Ausnahmezustand verhindern zu können.

Frage der Treffsicherheit

Wie recht Hofinger haben dürfte, zeigen zwei Beispiele: Nach Bundesländern ist die Zahl der bisherigen Testungen pro 100.000 Einwohner ebenso unterschiedlich wie die der positiven Ergebnisse (siehe Grafik). In Vorarlberg war die Treffsicherheit mit rund zehn Prozent höher als in Wien und in Kärnten mit jeweils knapp fünf Prozent. Im Tiroler Paznauntal wiederum hat man nach einer Testoffensive erst in der Karwoche das wahre Ausmaß der Pandemie gesehen: Die Angaben über die Infektionen stiegen noch einmal um ein Drittel. Aber was ist schon das wahre Ausmaß? Über eine repräsentative Erhebung hat Hofingers SORA-Institut Anfang April hochgerechnet, dass es österreichweit rund 28.500 Infizierte geben dürfte. Offiziell bestätigt waren nur 12.519. 

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